Schalt das Radio ein und wechsle auf Kurz- oder Mittelwelle. Dreh den Sendersuchlauf ganz langsam auf und ab. Zu Beginn hörst du nur das übliche Rauschen, mit etwas Geduld und Glück aber fängst du Sounds ein, die sind wie aus einer anderen Welt.
Sind sie aus einer anderen Welt? Aus einer anderen Dimension? Versucht da jemand- oder „etwas“ zu kommunizieren? Könnte man zum Beispiel, wenn man gestorben ist, über das Rauschen eines Radioempfängers hinweg Botschaften an die Welt der „Lebenden“ schicken? Versuche von unserer Seite aus, über technische Hilfsmittel mit verstorbenen Menschen zu kommunizieren, gibt es jedenfalls schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts- technischer Fortschritt hat eben immer schon als Gateway für mystische Bedürfnisse hergehalten.

Thomas Alva Edison: Auf der Suche nach Geistern...
In den 1920er-Jahren war der Erfinder Thomas Alva Edison mit seinem Assistenten Hutchinson damit beschäftigt, ein Gerät zu entwickeln, welches die Kommunikation mit den Geistern verstorbener Menschen ermöglichen sollte- sein Tod verhinderte leider die Fertigstellung des entsprechenden Apparats. Ein paar Jahre später telefonierte der Brasilianer Oscar d’Argonell mit Geistern und schrieb darüber ein Buch mit dem Titel „Voices From Beyond„; 1949 experimentierte der Italiener Marcello Bacci in seinem Labor mit einem Vakuumröhren-Radio, ein ganzes Team von „Geisterstimmen“ sprach zu ihm oder sang ihm zeitweilig auch etwas vor.
1959 nahm der in Schweden lebende Friedrich Jürgenson- Maler, Opernsänger und selbsternannter Vogelkundler- Vogelstimmen mit seinem Tonbandgerät auf; als er die Aufnahmen später abspielte, waren ein „seltsames Brausen“ und Teile einer norwegischen Radiosendung zu hören. Als Jürgenson ein paar Tage später weitere Aufnahmen abhörte, war er überzeugt, daß auf den Tonbändern Stimmen enthalten waren, die zu ihm sprachen: „Als ich mich schließlich nach einigen Stunden konzentrierten Lauschens an die Nebengeräusche gewöhnt hatte, begann eine behagliche Männerstimme aus dem Chaos der Geräusche hervorzutreten. Die Stimme sprach mit tiefster Überzeugung Englisch und mit einer eigenartigen Intonation. Nach einer kleinen Pause erklang der Name Churchill, und plötzlich begann eine andere Männerstimme Deutsch zu sprechen. Trotz der akzentfreien Aussprache schien der Satz ungrammatikalisch gebildet zu sein, denn die Stimme sagte buchstäblich: „Zarengebiet müssen wir noch Frühlings (!) besprechen…“ Zarengebiet – klang das nicht eigentümlich? Ich mußte sofort an Anastasia denken. „Friedrich, du wirst beobachtet…“ fügte die gleiche Stimme mit festem Nachdruck hinzu. Bevor diese Durchgabe endete, erklang ein Satz, der äußerst rasch hervorgestoßen wurde: „Friedrich!“ rief die Stimme meinen Vornamen, „wenn du auch des Tages ins Deutsche übersetzt und deutest – jeden Abend versuche die Wahrheit zu lösen mit dem Schiff… mit dem Schiff im Dunkeln!“ Diese scharadenhafte Phrase setzte meine Phantasie in Bewegung. Wie rätselhaft das Ganze mich auch anmutete, so war es nur doch völlig klar, daß diese Sendung mir persönlich galt.“ (Zitiert aus Jürgenson, „Sprechfunk mit Verstorbenen – Praktische Kontaktherstellung mit dem Jenseits„, Goldmann, 1981).

Friedrich Jürgenson (1903 - 1987)
Tonbandstimmen aufzunehmen wurde fortan Jürgensons Obsession, die ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1987 nicht mehr loslassen sollte. Er schrieb mehrere Bücher, darunter sein wichtigstes Werk „Sprechfunk mit Verstorbenen„, welches nach seiner deutschen Erstauflage 1967 das Phänomen der Tonbandstimmen im deutschen Sprachraum erstmals bekannt machte und eine kleine, aber fanatische Schar von selbsternannten „Forschern“ hervorbrachte, die ihren „Friedel“ wie einen Popstar verehrten. Jürgenson aber blieb sein Leben lang ein bescheidener, eher ruhiger Mensch, dessen sehnlichster Wunsch, der „wissenschaftliche Nachweis“ des von ihm entdeckten Phänomens, sich leider nicht verwirklichen ließ (das ist übrigens auch später nie gelungen, da die „Stimmen“ unter Laborbedingungen nicht reproduzierbar waren).
Wie gestaltete sich eigentlich so ein Kontakt Jürgensons mit „Verstorbenen„? Fidelio Köberle beschreibt das sehr schön in dem Nachruf „Mein Freund Friedel“ auf der Homepage des „Vereins für Transkommunikations- Forschung e. V.„: „Ich lernte ‘vor Ort’ Jürgensons Einspielmethode kennen, auf die ich natürlich sehr neugierig war. An ihr war nun nichts Geheimnisvolles: Er benutzte neben dem kleinen Tonbandgerät ‘Uher Report’ einen kleinen Rundfunkempfänger, den er auf ca. 1485 kHz (zwischen Wien und Moskau) auf der Mittelwellenskala einstellte. Das Tonbandgerät war zwar eingeschaltet, aber die Pausentaste war gedrückt. Nun wartete er geduldig, ob aus dem Lautsprecher des Radiogerätes irgendein ihn betreffender Zuruf, etwa „Radar“, „Friedel“, „Mälar“ usw. käme. Erst dann, wenn er ein solches Stichwort hörte, ließ er das Tonbandgerät auf Aufnahme laufen. Auf diese Weise vermied er leere Bandstrecken und unnötige Abhörarbeit. Dann begrüßte er die Freunde, stellte eventuell spezielle Fragen und zog dann das Mikrofon heraus. Das Rundfunkgerät war per Kabel mit dem Tonbandgerät verbunden. [...] Dazu stöpselte er das Mikrofon immer wieder ein und entfernte es nach der Frage. Am Schluß verabschiedete er sich von den Freunden und bedankte sich. Das ganze dauerte vielleicht 5 – 10 Minuten. Dann ging es gleich ans Abhören, das mit dem Uher Report recht umständlich ist, weil es keine Repetiereinrichtung hat.„
Ein Auschnitt aus einem Interview mit Friedrich Jürgenson, ein Jahr vor seinem Tod:

Dr. Konstantin Raudive (1903 - 1974)
Eine weitere zentrale Persönlichkeit im Bereich der „Electronic Voice Phenomena“ ist Dr. Konstantin Raudive (1903 – 1974). Der schwedische Psychologe entdeckte in den 60er-Jahren Jürgensons Buch und begann mit eigenen Forschungen, wobei er sowohl Jürgensons technische Anordnungen als auch dessen eher gewagte Thesen zur parapsychologischen Natur der Stimmphänomene vollkommen unkritisch übernahm und niemals hinterfragte; wie bei Jürgenson wurde die Jagd nach Tonbandstimmen auch für Raudive zu einer lebenslangen Obsession: Bis an sein Lebensende nahm er an die 100.000 Tonbänder mit diversen paranormalen Mitteilungen auf- einen wissenschaftlichen Beweis für ein Leben nach dem Tod durch solche Botschaften blieb allerdings auch er schuldig.
Heute existieren unzählige Vereinigungen auf der ganzen Welt, die sich der Erforschung der „Transkommunikation“ (der modernisierte Begriff für „Tonbandstimmen„) widmen- das Radio als Übertragungsmedium hat in der Computer-Ära leider nahezu ausgedient, was ich persönlich sehr bedauere.
Eines allerdings hat sich seit den Tagen der mysteriösen Botschaften durch das wunderbare Kurzwellenrauschen nicht verändert: Was diese Botschaften bedeuten oder aussagen sollen, liegt weiterhin in der fantasievollen Interpretationsfähigkeit desjenigen, der sie hört.
Hier gibt es Jürgensons „Sprechfunk mit Verstorbenen“ online nachzulesen.
Und hier noch eine ausgezeichnete Dokumentation zum Thema.






