Illuminatus, 23, tote Hacker
Hintergrundmusik: „The Transported Man“ aus David Julyan`s Soundtrack zu „The Prestige„.
Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.
Zurück in meine Jugendzeit: Ungefähr im zarten Alter von 14 Jahren beschäftigte mich eine Roman-Trilogie ausserordentlich, die mich bis heute noch nicht richtig losgelassen hat; es handelte sich um „Illuminatus!„, ein zwischen 1969 – 1971 verfasstes Mammutwerk der beiden US-Autoren Robert Anton Wilson und Robert Shea, die zu dieser Zeit in der Redaktion des amerikanischen Playboy beschäftigt waren.

„Illuminatus“ zu beschreiben, ist fast unmöglich: Um den mysteriösen Geheimbund der Illuminaten herum gestrickt entwickelt sich eine abenteuerliche Reise durch sämtliche Verschwörungstheorien die es jemals gegeben hat; es geht weiters um Okkultismus, Sex, Drogen, Zen, Numerologie, das I Ging, den Cthulhu-Mythos, die Kabbala, den Diskordianismus, Ideen der damaligen Hippie-Bewegung und um vieles Gehirnverdrehendes mehr. Timothy Leary und William Burroughs standen Pate, ebenso wie Thomas Pynchon („Die Enden der Parabel„), William Faulkner und James Joyce.

Die Trilogie avanvierte zum Klassiker der Underground- Pop-Literatur und zog vielerlei Nachfolgewerke von Wilson/Shea nach sich; darunter Obskures („Die Illuminati-Papiere„), Verzichtenswertes („Die Illuminati-Chroniken„) aber auch absolut Essentielles („Cosmic Trigger 1- 3„, sowas wie der philosophische Unterbau Wilsons zu „Illuminatus!„, dazu ein anderes mal mehr). Robert Anton Wilson wurde letztendlich zum „lächelnden Weisen“ der amerikanischen Gegenkultur und starb hochverehrt im Jahr 2007.

Robert Anton Wilson
Man kann die annähernd 1000 Seiten von „Illuminatus!“ (bzw. dessen drei Teile „Das Auge in der Pyramide„, „Der goldene Apfel“ und „Leviathan„) als Satire lesen, muß aber nicht. Für euren Docteur waren diese Bücher nichts weniger als der jungfräuliche Einstieg in die wunderbar verschrobene Parallelwelt von Verschwörungen; die damals begonnene Liebe zu obskuren Theorien am „Rand der Wirklichkeit“ hat wohl auch im Endeffekt zu dem Blog geführt, das ihr hier gerade lest.

Karl Koch
Im trüben Hannover der frühen 1980er-Jahre lebte ein junger Mann, der „Illuminatus!“ todernst nahm. Sein Name war Karl Koch, und er sollte als „KGB-Hacker“ kurzzeitige Berühmtheit erlangen. Der 1965 geborene Koch durchlebte eine schwierige Kindheit, hatte bereits in seiner Jugend mit „weichen Drogen“ zu tun und mit psychischen Problemen zu kämpfen. Der frühe Tod seines Vaters stattete ihn mit einer kleinen Erbschaft aus, mit welcher der Computerenthusiast sich einen Atari ST zulegte. Bevorzugter Lesestoff neben der Illuminatus!-Trilogie war damals das 1984 veröffentlichte „Handbuch für Hacker“ und so wuchs beides zusammen: Koch nahm als Pseudonym den Namen des „Illuminatus!„-Helden Hagbard Celine an und begann in Rechnersysteme einzubrechen; bereits ein Jahr später hackte er einen Großrechner des Fermilab in Chicago.

Aus dem Spiel um die Hackerehre wurde eine Mission: Ausgelöst durch Kokainkonsum und Schlafentzug durch nächtelange Hackersessions zusammen mit den schon existierenden psychischen Defekten driftete Koch in eine Scheinwelt, die ihn glauben liess, er müsse wie sein Held Hagbard Celine einen Atomkrieg verhindern, für dessen Kommen er Beweise gefunden zu haben glaubte. Die Möglichkeit, daß er wirklich auf brisante Beweisstücke dafür gestossen sein könnte, sollte man dennoch nicht ganz auschliessen- immerhin war er in amerikanische Militärsysteme und Rechner der NASA eingebrochen.

Koch als "Show-Hacker" auf der CeBIT
Ein unglückseliger Schachzug war seine Entscheidung, geklaute Daten an damalige Sowjet-Kontakte zu verkaufen: Koch und seine Kollegen wurden von dem amerikanischen Computerspezialisten Clifford Stoll enttarnt (der darüber übrigens auch ein spannendes Buch namens „Das Kuckucksei“ geschrieben hat), wurde vom Bundesamt für Verfassungsschutz beschattet und verhört. Mißbrauch von Speed und LSD führten zu mehreren Aufenthalten in der Psychiatrie und zu Selbstmordversuchen. Freunde von ihm lösten seine Wohnung auf, er versuchte in einem Wohnheim für junge Männer wieder auf die Füsse zu kommen – vergeblich.

Ausgebrannt und psychotisch: Koch am Ende seines Lebens
Karl Koch verschwand am 23.5.1989; seine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche wurde ein eine Woche später in einem Wald bei Gifhorn gefunden, er wurde 23 Jahre alt. Als Verehrer der Illuminatus!- Trilogie (die er unzählige Male gelesen haben muß), hatte die Zahl 23 für ihn natürlich große Bedeutung- da liegt es nahe, daß er (vielleicht als Folge eines psychotischen Schubs) den Todeszeitpunkt nach numerologischen Gesichtspunkten gewählt hatte. Die Umstände seines Todes (angeblich durch Selbstverbrennung) sind allerdings bis heute rätselhaft geblieben: am Tatort wurden keine Schuhe gefunden, der Wald war durch den Brand nicht in Mitleidenschaft gezogen- und immerhin war Koch zu der Zeit Kronzeuge des Verfassungsschutzes; er hat das Geheimnis um seinen Tod allerdings mit ins Grab genommen.

Boris F. aka "Tron"
Ob der 1972 in Berlin geborene Boris F. an die Existenz der Iluminaten glaubte, ist nicht bekannt; zumindest war er aber wie Karl Koch ein Mitglied der deutschen Hackervereinigung „Chaos Computer Club„, und davon abgesehen ein ebenso frühvollendetes Genie. Im Rahmen seiner Diplomarbeit an der technischen Uni Berlin erfand der unter dem Pseudonym Tron als Hacker arbeitende F. 1997 ein sogenanntes „Cryptophon„, ein ISDN-Telefon mit eingebauter Verschlüsselung. Später baute der begeisterte Bastler einen Emulationschip zur Überwindung des damals vom Pay-TV eingesetzten Entschlüsselungssystems Nagravision/Syster und entwickelte Simulationen zur kostenlosen Benutzung von Wertkartentelefonen, die sich noch dazu nach dem Abtelefonieren von selbst wieder aufluden. Sein Meisterstück aber war der Angriff auf den damals noch relativ neuen GSM-Standard; auch hier brachte F. es fertig, eine erfolgreiche Kartensimulation herzustellen, was bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal Wissenschaftlern in den USA geglückt war.

1997: Tron im Kreise von Bewunderern
Der 26-jährige verschwand am 17. Oktober des Jahres 1998; er war am Abend aus der elterlichen Wohnung zu einem Spaziergang aufgebrochen und nicht mehr zurückgekehrt. Fünf Tage später fand man seine Leiche: mit einem Gürtel an einem Baum in einem Neuköllner Park erhängt. Die bis heute unaufgeklärten Todesumstände sind unglaublich rätselhaft: die Obduktion ergab, das F. noch Tage nach seinem Verschwinden gelebt haben könnte; wo er sich aufhielt, war nicht zu ermitteln. Der analysierte Mageninhalt ergab als letzte Mahlzeit ein Essen, welches ihm seine Mutter fünf Tage zuvor gekocht hatte. Entweder wurde er kurz nach seinem Verschwinden getötet und die Leiche (die am Fundort keine Verwesungsspuren aufwies) zwischenzeitlich extremst abgekühlt, oder er war das Opfer einer (unerklärlichen) Zeitreise.

Ein Selbstmord scheint aus den oben genannten Gründen also auszuscheiden- F.`s Talente dürften wohl eine zu große Bedrohung für die Sicherheit der damaligen Technologien dargestellt haben. Seine Absicht war es zwar niemals, Kapital aus seinen Erkenntnissen zu schlagen; aber natürlich hätte er diese Erkenntnisse (aus seiner Hackerethik heraus) in der Szene bekannt gemacht. Seine Angehörigen, Freunde sowie einige Protagonisten des CCC glauben ebenfalls bis heute nicht daran, das Tron sich selbst das Leben genommen hat- leider verliefen alle Untersuchungen dazu im Sand.
Tron`s Tod beschäftigt natürlich weiterhin die Phantasie vieler Menschen- so wurde er z.b. von Autor Jan Gaspard zur zentralen, mythischen Figur einer Hörspielreihe namens „Offenbarung 23“ gemacht; mehr Infos zu dieser Serie (die ich als Die-Hard-Fan im übrigen unverzichtbar finde, und die jeder Verschwörungsfreak kennen sollte) gibt es hier.
Hier eine ausführliche Seite zu Tron.
Und hier ein Online-Video zu Leben und Tod von Karl Koch.
~ von nachtstrom am November 6, 2008.
Veröffentlicht in Verschwörungstheorien
Schlagworte: 23, Boris F., Diskordianismus, Hacker, Hagbard Celine, Illuminaten, Illuminatus, Karl Koch, Robert Anton Wilson, Robert Shea, Tron



Schöne Zusammenstellung. Offenbarung 23 kannte ich noch nicht.
Ansonsten scheint das hier ja dem Namen Obskuristan alle Ehre zu machen. Witzig fand ich, CropFM bei dir zu entdecken. Da höre ich auch ganz gerne mal rein. Als ich dann David Icke in der Seitenleiste endteckte dachte ich „hmmm, vielleicht ist er einfach durchgeknallt.“ Der (Unter-) Titel hat das aber gut relatviert, vorallem, dass ich dann entdeckt habe, dass du der Herr Nachtstrom bist hat die Situation „aufgelockert“. Das fand ich dann schon witzig
Mein Ursprünglicher Plan war, einfach zu schreiben, dass der Eintrag gelungen ist (das mit den Hervorhebungen ist auch toll) um dich dann in die erisische Bewegung (http://erisisch.de) einzuladen. Das seiest du jetzt natürlich auch recht herzlich. Jetzt kommt zum ursprünglichen Plan noch ein ausgiebiger Check deiner Website dazu.
Grüße
hello,
ja durchgeknallt bin ich wahrscheinlich schon ein bisschen, einfach deswegen weil mich nerdige theorien ohne ende faszinieren
) – das macht das leben lebenswerter!
als anhänger von malaclypse dem älteren UND dem jüngeren freue ich mich natürlich besonders über die einladung in die erisische bewegung!
le docteur
Ganz große Klasse dein Blog, will ich dir auf diesen Weg noch mitteilen. Echte Wertarbeit.
Zu Jan Gaspard fällt mir auch eine Verschwörungstherie ein:
Es heißt ja, das die letzt Folge auch die letzte vom Autor sein soll, da der Verlag ihn gekickt hat. Ob das stimmt, ob es nur ein PR Gag ist, oder was dahinter steckt???? Man weiß es nicht. Es geht wohl aber alles nicht mit rechten Dingen zu.
Die Serie soll fortgesetzt werden, aber mit anderen Autoren….
Danke für dein nettes Kompliment! Freut mich, wenn meine kleine weirde Ecke hier gefällt….
Jan Gaspard: Ja da gehts wild rund im Internetz rund um diesen Herrn.. seine Domain habens ihm zugesperrt, er jobbt zwischenzeitlich bei secret.tv.. jessas! wenn das ein pr-gag seines (ehemaligen?) verlags sein sollte, dann ziehe ich meinen hut! wenn nicht, bleibt mir nur zu sagen- abseits der verwirrungen um seine person hat herr gaspard mit „offenbarung 23″ eine der spannendsten deutschen hörspielserien ever geschaffen- du merkst schon: ich bin ein fan :0
le docteur