Hintergrundmusik: Von Maurice Ravel, ein Auschnitt aus dem 1912 komponierten Ballett “Daphnis et Chloé” – passt ausgezeichnet zu den Geschehnissen in Mittelerde…
Tschüß, sogenannte Realität! Das neue Jahr ist zwar erst ein paar Tage alt, trotzdem habe ich mich schon in einem wunderbaren Paralleluniversum eingenistet. Wirtschaftskrise? Arbeitslosigkeit? Kein Weltfrieden in Sicht? Mir doch egal. Es lebe der Eskapismus.

41 Jahre mußte ich werden, um diese wunderbare Welt gleich nebenan zu entdecken, dieses riesige Universum, Mittelerde genannt. “Erfunden” hat es ein waschechter britischer Gentleman namens John Ronald Reuel Tolkien, obwohl das Wort “erfinden” vermutlich in diesem Zusammenhang ein falsches ist – Tolkien hat nämlich im Laufe seines langen Lebens immer wieder darauf bestanden, bloß der “Chronist” von Mittelerde zu sein, wie mir Mythologe Bernhard Reicher kürzlich in einem Mail geschrieben hat: “Mich fasziniert unendlich, daß der “Mozart der Sprache” Tolkien immer wieder erklärt hat, Mittelerde nicht erfunden zu haben; er bezeichnete sich vielmehr als Chronist. Er war eben nicht nur einer der einflußreichsten Schriftsteller sondern auch einer der größten Mythologen des 20. Jahrhunderts, der seine Kunst liebte und lebte. In mehreren theoretischen Schriften hat sich der tief religiöse Oxford-Professor damit auseinandergesetzt, was es impliziert, Mensch und damit phantasiebegabter “Zweitschöpfer” zu sein. Eine dahingehende Aussage von ihm hat mich bis heute nicht losgelassen — nämlich die, daß so wie das Sprechen ein Erfinden in bezug auf Objekte und Ideen ist, der Mythos ein Erfinden in Bezug auf die Wahrheit ist.”

J. R. R. Tolkien (1892 - 1973)
Die Inspirationen zu dieser “fantastischen Mythenwelt Mittelerde” (Zitat Wikipedia) hat Tolkien über viele Jahrzehnte empfangen: Seine Besessenheit für die walisische und finnische Sprache in jungen Jahren führte zur Entwicklung einer eigenen “Feensprache“, die er als Patient eines britischen Feldlazaretts im 1. Weltkrieg erdachte; von dieser Kommunikationsform ausgehend schuf er mit unglaublicher Akribie in weiterer, jahrelanger Tüftelei einen Sagenzyklus, der bis heute in der Geschichte der Literatur als einzigartig anzusehen ist, und der uns letztendlich Werke wie “Der kleine Hobbit“, “Herr der Ringe“, das “Silmarillion” und weitere fragmentarisch gebliebene Schriften beschert hat. Der unverbesserliche Perfektionismus Tolkiens zusammen mit seiner Fähigkeit zur gewaltigen Vision sind die Gründe, die Mittelerde zu einem “lebensechten” Paralleluniversum machen.

Begeistert vom "Herrn der Ringe": Die Blumenkinder der Sixties
Die Popularität der “Herr der Ringe” – Bücher ist übrigens hauptsächlich den Blumenkindern der “Love & Peace“- Ära zu verdanken. In den frühen 1960er-Jahren erschien nämlich in Amerika eine unautorisierte Übersetzung der britischen Ausgabe, die unter den Studenten der damaligen Zeit schnell zum Kultobjekt avancierte; von dort aus traten die Werke Tolkiens dann endgültig ihren Siegeszug rund um den Globus an. Die liebevolle Beschäftigung zahlloser Fans mit diesem literarischen Erbe sowie auch eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung damit haben seither nie mehr aufgehört. Überhaupt- unter Biologen und Paläontologen müssen sich besonders viele Tolkien-Fans befinden, wie ein eindrucksvolle Liste von Namensgebungen an Tiergattungen beweist: da finden wir z.b. einen Katzenhai mit dem Namen Gollum, eine Laufkäferart namens Pericompsus bilbo und einen Langzungenflughund (??) mit der Bezeichnung Syconycteris hobbit (ein Verzeichnis sämtlicher Gattungsbezeichnungen befindet sich hier).

Die “Herr der Ringe“- Bücher haben ein riesiges Merchandise-Universum hervorgebracht; um auf die zahllosen Pen & Paper -Rollenspiele, Computergames, Hörbücher, Comics, bemalbaren Figuren und natürlich die großartige Filmtrilogie von Peter Jackson einzugehen, fehlt hier der Platz. Unbedingt erwähnen sollte man an dieser Stelle, daß Tolkien mit seinem Werk das moderne “Fantasy“-Genre quasi miterschaffen hat, in dem sich Autoren wie Robert Jordan, Terry Brooks und George R.R. Martin (um nur ein paar der herausragendsten zu erwähnen) mit teilweise ebenso epischen Sagas hervorgetan haben; die Tiefe und Stringenz des Tolkien’schen Werkes bleibt trotzdem weiterhin unerreicht.

"An Unexpected Morning Visit" von Ted Nasmith (www.tednasmith.com)
Kritiker haben dem Fantasy-Genre gerne immer wieder den Hang zum Eskapismus unterstellt- als begeisterter Leser ist mir das vollkommen egal, oder habe ich das schon erwähnt? Ein bißchen Realitätsflucht kann nie schaden. Und damit mache ich mich wieder auf ins Auenland, ein wahrlich wunderbarer Ort (zumindest solange das Auge Saurons nicht dorthin blickt).
J. R. R. Tolkien feiert heute (03.01.) seinen 117. Geburtstag.

Lesestoff für den Rest meines Lebens...
Linkliste:
Deutsche Tolkien – Gesellschaft
Ausführliche Rezensionen von Tolkien-Büchern
Die mythologische Methode Tolkiens






