Nachdenken mit… Rudolf Steiner
Erinnern wir uns doch. daß es einstmals im Erdenleben, vor allen Dingen drüben im Orient, eine Menschheit gegeben hat, welche die äußere Sinneswelt als Maja, als die große Illusion, als die bloße Scheinwelt bezeichnet hat, und das, was der Mensch in seinem Innern erregt, was er denkt, was er empfindet, was er fühlt, was in seinen Willensimpulsen lebt, als die einzige wirkliche Realität ansah. Es gab einstmals diese andere Einseitigkeit, daß, wenn der Mensch in sein Inneres schaute, er in seiner Gedanken-, Gefühls- und Empfindungswelt die Wahrheit, das wahre Sein sah, und äußerlich die Maja, die große Illusion.
Wir sind heute bei dem entgegengesetzten einseitigen Betrachten angelangt. Wir sehen vom Standpunkte der Gegenwartskultur aus überall in unserer Umgebung die materielle Sinnenwelt und nennen sie das wirkliche Sein. Und Millionen von Menschen sehen nur in dem sinnlichen Vorsichgehen der Wirtschaftsprozesse das wirkliche Sein und nennen das, was im Innern des Menschen lebt, wie auch dasjenige, was der Mensch als Kulturentwicklung aus diesem seinen Innern hervorgehen läßt, Ideologie.
Es ist im Grunde genommen dasselbe, was der Morgenländer als Maja, als Illusion bezeichnet hat, was heute Millionen und Millionen von Menschen als Ideologie bezeichnen, ein anderes Wort nur, allerdings auch im entgegengesetzten Sinne angewendet. Ideologie hätte der Morgenländer sagen können für die Außenwelt, Realität für sein Inneres. Wir sind innerhalb unserer Kultur dazu gekommen, daß unzählige Menschen dieses in entgegengesetzter Einseitigkeit sagen.
Rudolf Steiner, Auszug aus dem Vortrag „Die Notwendigkeit einer Kulturerneuerung„, Kristiania, Oslo, 1921, zitiert aus „Die Wirklichkeit der höheren Welten „, Rudolf Steiner Verlag, 1981




Ich lese gerade R.A. Wilsons (aktuellstes Buch?, 2002) „TSOG: The Thing That Ate The Constitution“. Darin findet sich eine passende Passage:
‘His wife-or-girl-friend […] kept trying to persuade me that Scientific Research was responsible for all the ills of the world. „You don’t need research […] your heart tells you the truth.“‘
Ich frage mich, wie man zu einer qualifizerten Aussage darüber kommen will, wo „die Menschen“ gerade auf dieser Skala von „zu arg aufs Innere fixiert“ zu „zu arg aufs Äußere fixiert“ stehen, ohne eine größere Studie durchzuführen.
Mein Tipp: Steiner war nicht Wissenschaftler genug, um seine Behauptung (über die äußere Welt) in der äußeren Welt zu untermauern. Irre ich?
hello morgen!
also ich bin mir ganz sicher, dass Steiner nicht auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaute- er bezog seine Aussagen aus einer „inneren Schau“, die man glauben kann oder nicht. Die Unwissenschaftlichkeit seines Werkes wird ja auch heute kritisiert (Zitat Wikipedia): „Wo sie [die Kritik] die esoterischen und okkulten Aspekte des Steinerschen Werkes betrifft, wird Steiner als „modernem Esoteriker“ vorgeworfen, Glaubensfragen mit Wissenschaftlichkeit zu verbinden. Um dies zu erreichen, würden die Kriterien dessen, was als wissenschaftlich angesehen wird, eigenmächtig verschoben. Dies zeige sich etwa, wenn von „Geistes- oder Geheimwissenschaft“ und „hellseherischer Forschung“ die Rede sei. Alles, was mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaften nicht zu vereinbaren sei, werde deshalb als „höheres Wissen“ ausgegeben.“
Steiner hat sicher sehr wertvolle Anregungen auf vielen Gebieten gegeben (Pädagogik, Architektur, Philosophie etc), wissenschaftliche Erkenntnisse hat er aber eher keine gewonnen (und wie gesagt auch nur vage auf ihnen aufgebaut, s.o.)
liebe grüße,
doc
Sehr guter Text. Gefällt mir. Ich bin selbst auf ner Waldorfschule, kenne das ein bischen. Ich mag Anthroposophen aber nicht, wirken auf mich streng, verkopft und konservativ (die meisten), viele Texte von Steiner mag ich aber. Diesen ganz besonders. Ich frage mich, woran das liegt.
Dass wir nur noch das für wahr halten was wir sehen ist sogar schon in Kirchen, vielleicht sogar bei Anthroposophen selbst der Fall- oder es wird fundamentalistisch.
Das finde ich traurig. Das tötet.
Besonders schlimm ist es dann wenn man tatsächlich Dinge erlebt die es offiziell eben nicht geben darf. Dann ist man verrückt.
Erlebnisse sind wahr- auch Steiners. Die Ideologie, die aus ihnen entspringt ist aber (fast) nie wahr.
hello mailin!
ich kenne gar keine anthroposophen, auf so eine waldorfschule von innen wäre ich aber echt mal neugierig!
ich mag den steiner auch gerne (in kleinen dosen) ich finde es auch so interessant, diese „innere schau“ in den altertümlichen worten der damaligen vorstellungswelt.. sehr spannend..
lieben gruß,
doc
Eine schockierende Doku über die Waldorfschule: http://www.youtube.com/watch?v=x8aCwm7bzQ4
geh morgen, und was soll da jetzt bitte so „schockierend“ sein? also ich finde den gezeigten unterricht recht sympathisch- zumindest ist das eine alternative, das herkömmliche schulsystem steckt eh schon längst furchtbar in der krise, wie sämtliche pisatests bis jetzt bewiesen haben…
doc
http://www.ard.de/zukunft/kinder-sind-zukunft/kinder-wollen-lernen/alternative-schulmodelle/-/id=520618/nid=520618/did=558286/1q9er5q/index.html
Als junger Mann mit Interesse an Yoga und geistigen Übungen habe ich ein paar Vorlesungen, z. B. „Wege der Übung“, von Steiner gelesen und auch praktiziert, ist eine vertiefend-intensive Erfahrung für mich gewesen, die in gewisser Weise bis heute anhält. Ich weiß, so Manches z. B. die „Rassenlehre“ find ich zu Recht umstritten. Man sollte diese aber nicht unbdeingt 1:1 nehmen und eher in einem symbolischen Kontext betrachten.
Liebe Grüße
@morgen
danke für den Film, immer wieder witzig sein Schulsystem so zu betrachten, so schockierend fand ich das aber wirklich nicht, gibt schlimmere Filme über waldofschulen
@nachtstrom
dachte mir schon, dass du nicht so „eingebunden“ in anthroposophie etc. bist, hast noch eine gewisse gelassenheit, klarheit. irgendwie scheint es fast nur gegner bzw. fans von steiner zu geben. meine mutter liest fast nur noch steiner. (bin also vorbelastet)
so anders ist das bei uns garnicht und je höher die klassen sind, desto mehr gleicht man sich den üblichen schulsystemen an, gibt halt musische, künstlerische und handwerkliche teile (und darum meist längere, gleichzeitig abwechslungsreichere unterrichtszeit).
steiner hat da ja allerhand theorien, wann was gelehrt werden soll, um der entwicklung des kindes gerecht zu werden
insgesamt haben wir aber ein umfangreicheres wissen(abi/MR-Stoff UND Waldorfstoff), machen ja die zentralen prüfungen(sozusagen kompromiss zwischen beidem, weil waldorfschule nicht anerkannt- hat steiner also nicht so gewollt). Bedeutet in der Oberstufe sicher mehr Stress, aber die wenigsten bereuen das- weil es sich lohnt.
nun gut, es gibt eine reihe streitpunkte:
- gleicher klassenlehrer 8 jahre lang(kann in die hose gehen)
- abistress
- eurythmy (Streitfrage)
- ideologie – religion- esoterik
- abhängigkeit von den lehrern (weil zu wenige, weil zu wenig bezahlt)
- etc.
dagegen positiv:
- Theaterprojekte
- klassenfahrten
- viele künstlerische, handwerkliche, musische fächer
- relativ gutes verhältnis zwischen schülern und lehrern
- förderung der persönlichen stärken
- überwingung von lampenfieber durch monatsfeier etc.
- eigeninitiative wird gestärkt
ich sehe das so: Waldorfschule hat viele gute ansätze, die vielleicht mal aufgegriffen werden sollten, ich stehe aber nicht wirklich dahinter.
Ich glaube, Anthroposophen(die nicht mit waldorfschule gleichzusetzen sind) haben ein ähnliches Problem wie die Kirche(hatte)
„Steiner hat gesagt…“ – „wir anthroposophen“
zu viel abschottung, in meinen augen sehr konservativ, buchstabentreue, angst vor weiterentwicklung, blick zu sehr nach oben, zu wenig im jetzt. können wenig mit problemkindern umgehen
ruf der schule steht meist im vordergrund (da abhängig)
gibt so die bezeichnung von schülern: „Heile Welt“ „Glasglocke“
ich las kürzlich über steiner: das hauptanlegen der kirche sollte sein, sich überflüssig zu machen (meint wohl, dass sie nur eine stütze sein sollte, aber der mensch selbst die verbindung mit gott- wie man es auch nennen will suchen sollte, nicht über eine institution) ich glaube, heute ist auch die anthroposophie (als teil die waldorfschule) sehr institutionalisiert, was steiner wohl nicht wollte.
die „richtigen“ Anthroposophen haben in meinen augen fast was sektenartiges. mir fehlt da die freiheit, die steiner doch so in der vordergrund stellte.
ich bin übrigens sehr kirchlich(seit ca. 1,5 Jahren), will auch theologie studieren und ich glaube eben das steiner gute ansätze auch für das christentum hat, was fehlt. ich werde aber einen teufel tun und mich zur christengemeinschaft(„steiners religion“) bekehren, weil die mir zu ideologisch und esoterisch ist, was er wohl so garnicht gewollt hat, fast verkopft.
diese innere schau. das ist der schlüssel,
vgl. paulus, der ja von der modernen wissenschaft als verrückt abgestempelt wird. man kann doch nicht gläubig sein, wenn man nicht an sowas wie offenbarungen glaubt, das gibt es nicht nur bei steiner ihn zu verabsolutieren ist aber dann genau falsch
nur sehen, blicken, sonst nichts
Trennung, abschottung, das ist das problem
dass man mit den menschen leben sollte, dass man überhaupt seine überzeugungen LEBEN(!) sollte etc. und sie nicht vor der „bösen“ gesellschaft schützen, verstecken genau in ihr leben. ihr teil haben lassen, dass wir uns in unserer vielseitigkeit einander zeigen sollten
in kleinen dosen- das ist genau richtig
weil die wahrheit in uns und um uns ist und nur wir selbst sie erfahren können, sie ist nicht aufschreibbar das sind nur versuche