Im zarten Alter von 18 oder 19 Jahren muß es gewesen sein, da drückte mir irgendwann irgendjemand mal ein Buch eines gewissen H. P. Lovecraft in die Hand; als ich es zu lesen begann, war es um mich geschehen. Daraus entstand nämlich Liebe, Hingebung, ja geradezu eine Abhängigkeit, die bis heute ungebrochen anhält und mich zeitweise (so wie jetzt auch gerade wieder) in heftigen Attacken überfällt.

Meine Sammlung...
Da ist es gut, immer eine der heissgeliebten, teilweise schon etwas zerfledderten Suhrkamp-Ausgaben mit Geschichten des Meisters zur Hand zu haben. Ich könnte mir ja die wirklich guten Neuübersetzungen vom Festa-Verlag holen, aber da wären wohl meine alten Schätzchen traurig. Oder man liest wieder mal im guten, alten Necronomicon. Murmelt nur so zum Spaß die bösen Formeln runter. Schnell zum Fenster geblickt- hat sich da etwas bewegt? War wohl nur ein Zweig. Vielleicht sollte ich es mal rückwärts probieren.
Ich besitze da so ein kleines, merkwürdiges Büchlein, in dem (im Gegensatz zu anderer Lovecraft- Sekundärliteratur) ernsthaft behauptet wird, das Necronomicon wäre echt, und keine Erfindung des übernatürlich phantasiebegabten Einsiedlers aus Providence. Nun ja: eigentlich, so erfahren wir ein paar Seiten später, ist es doch auf dem Mist des alten Howard Phillips gewachsen, zumindest aber soll das böseste aller Bücher auf einer wahren Vorlage beruhen.

Der Autor, der dieses behauptet, heisst W. H. Müller; sein (1993 in kleiner Auflage erschienenes und natürlich längst vergriffenes) Werk “Lovecraft – Schatzmeister des Verbotenen“. Müller scheint übrigens auch Teil einer obskuren Gruppe namens “Enigma Research” gewesen zu sein, die für die Forschungen zu Lovecrafts Quellen zuständig war. Internetrecherchen zu dieser Vereinigung (Geheimgesellschaft?) verliefen natürlich ergebnislos, Herr Müller (Pseudonym?) selbst scheint mal einen kleinen Verlag besessen zu haben, der Werke aus dem Bereich der Magie und Alchemie publiziert hat; mehr war über diesen mysteriösen Menschen nicht herauszubringen.(*)
Was die Enigma Research – Gruppe zum Necronomicon und den anderen “verbotenen Büchern” (die Lovecraft in jeder Geschichte aufzählt) herausgefunden hat, ist aber schon beeindruckend. Akribisch hat man in unzähligen Bibliotheken rund um den Erdball gewühlt, den Stammbaum Lovecrafts pedantisch zurückverfolgt und kann so mit interessanten Ergebnissen aufwarten. Die traditionellen Lovecraft-Forscher wie de Camp und Yoshi gehen ja davon aus, dass der sogenannte “Cthulhu-Mythos” eine Erfindung des Meisters unter tatkräftiger Mithilfe seines engsten Freundeskreises war – in unzähligen Briefen sollen Schriftstellerkollegen wie Clark Ashton Smith, Frank Belknap Long, “Conan” – Erfinder Robert E. Howard und der spätere “Arkham House” – Verleger August Derleth ihre Teile beigesteuert haben, sollen Monster und weitere “verbotene Schriften” erfunden haben.

Der engste Freundeskreis: C. A. Smith, F. B. Long, R. E. Howard, A. Derleth.
Enigma Research weiß das besser und wartet mit einer weltumspannenden und über Jahrtausende reichenden Verschwörungstheorie auf, die wahrlich gigantisch ist. Das Necronomicon soll auf den “pnakotischen Manuskripten” basieren, schriftliche Zeugnisse einer mysteriösen Hochkultur aus einer Zeit, die Äonen vor unserem Menschengeschlecht im tiefsten Asien existiert haben soll. Diese Manuskripte überdauerten die Zeitalter und landeten schliesslich in der Bibliothek des misanthropischen und vermutlich wahnsinnigen Herrschers Rudolf II., der von 1583 bis zu seinem Tod 1612 in Prag residierte. Dort fand sie der Astronom, Mathematiker und Alchemist John Dee, der vor allem als Magier eine der interessantesten Persönlichkeiten der abendländischen Esoterik darstellt.

John Dee und Rudolf II.
Dee dürfte die in Frage kommenden Dokumente abgeschrieben haben; diese bildeten dann sein sogenanntes “Arabisches Buch“- von dessen Existenz wir nur durch verschiedene Andeutungen wissen, welche der Magier in Briefen an ausgewählte Freunde machte- in den noch heute erhaltenen Inventarlisten von Dee‘s berühmter Bibliothek taucht diese spezielle Schrift nämlich nicht auf. Die intensive Rückverfolgung von Lovecrafts Stammbaum brachte die Enigma Research Gruppe zu der Annahme, dass frühe Vorfahren des Autors in England engen Kontakt mit Dee hatten; auf diese Weise könnte er in den Besitz des “Arabischen Buches” gekommen sein, welches (in abgeschwächter und verklausulierter Form) die Grundlage seines Cthulhu-Mythos gebildet haben könnte. Der Schriftsteller-Kreis um Lovecraft war vermutlich in das Geheimnis um diese legendären Schriften eingeweiht; diverse Stellen in der umfangreichen Korrespondenz Lovecrafts bieten dazu versteckte Hinweise.

Mysteriöse Persönlichkeit: Robert H. Barlow
Nach Lovecrafts frühem Tod wurden die brisanten Schriftstücke schleunigst entfernt- Robert H. Barlow, Horrorautor, Anthropologe und engster Freund des Meisters, war per Testament dazu bestimmt worden, alle persönlichen Dokumente sofort nach dessen Ableben an sich zu nehmen; sehr zum Verdruß aller Freunde und Kollegen verschwand Barlow samt Lovecrafts Nachlass nach Mexiko und war erst Jahre später bereit, Teile davon herauszugeben. Er lehrte zu dieser Zeit am Mexico City College und beging 1951 im Alter von 32 Jahren unter tragischen Umständen Selbstmord.

Arkham House-Ausgabe von 1964
August Derleth, ebenfalls langjähriger Lovecraft-Freund und Verleger seines Werks bei Arkham House, ging auf ganz spezielle Art und Weise daran, die Spuren des originalen Mythos zu verwischen: er erklärte sich zum posthumen Kollaborator und schrieb verschiedene Stories des Meisters einfach um. Vieles, was heute zum “Cthulhu-Mythos” zählt, ist die Erfindung von Derleth und nicht im Sinne Lovecrafts; so führte er “Rangordnungen” ein und eine “Gut-Böse”- Dualität, die auf seinen christlichen Überzeugungen beruhte- und damit wurde die brodelnde Anarchie, der alles verschlingende Wahnsinn der originären Vorstellungswelt Lovecrafts verwässert.

Dem legendären Ruf des Necronomicon allerdings konnte dies nicht schaden- heute kursieren diverse Übersetzungen davon in Buchform und im Internet; unbeeindruckt von der Frage, wie authentisch die darin beschriebenen Anrufungen sind , wird das Buch von Magiern (und solchen, die sich dafür halten) für Rituale benutzt. In den USA ist die sogenannte “Simon” – Version des Necronomicon diejenige, die von vielen für am meisten “authentisch” gehalten wird. “Simon” ist das Pseudonym eines hochrangigen Mitglieds eines nicht näher bekannten magischen Ordens, der in den 1970er-Jahren in New York beheimatet war.

“Simon” veröffentlichte seine Version des Necronomicon im Jahre 1980, heute spricht man etwas scherzhaft vom “Simonomicon“. “Simon” hatte allerdings noch mehr zu bieten: 1998 brachte er das “Necronomicon Spellbook” heraus- eine Art Fastfood-Version des Originals mit angeblich schnell wirkenden Zaubersprüchen. 2006 erschienen unter seinem Namen noch “The Gates of the Necronomicon” mit einer genauen Anleitung zu den Ritualen unter Berücksichtigung astrologischer Konstellationen und das Sachbuch “Dead Names: The Dark History of the Necronomicon“, in dem der mysteriöse Autor die Authentizität des von ihm herausgegebenen Buches verteidigte und dem Necronomicon die Schuld zuwies für zahllose Selbstmorde in der okkulten Szene, die “Son of Sam“- Morde, das Attentat auf John F. Kennedy und die Attacken auf das World Trade Center.

Puh! Laut “Simon” ist das Necronomicon also per se schuld an dem Bösen in der Welt, und weiters, so schreibt er, sei nahezu jeder gestorben, der versucht hätte, die Geheimnisse des Buches zu entschlüsseln. Gut, dass wenigstens “Simon” verschont wurde, um diese Geschichte erzählen zu können. Was das Necronomicon nun bewirken kann oder nicht, entscheidet vermutlich einzig und allein die Wahrnehmung desjenigen, der es für magische Rituale benutzt.

Ich halte mich beim Cthulhu-Mythos seit Jahren mit Vorliebe an dessen pop-kulturelle Verwurstung; das macht mir Freude und dem schlafenden Tentakelmonster in der unter dem Meer versunkenen Stadt Rlyeh auch, davon bin ich überzeugt. Wenn man die Homepage der von mir hochverehrten H. P. Lovecraft Historical Society betrachtet, findet man folgendes Merchandise: Cthulhu und Yog-Sothot als Plüschtiere, Cthulhu- Kaffeebecher, T-Shirts, Kapuzenjacken und ein Slip mit dem “Elder Sign” an exponierter Stelle.
Weitere Highlights: Originaler Mumienstaub in einer handlichen Dose, Cthulhu-Fonts und Lovecraft-Büsten aus Gips. Nicht zu vergessen die zahlreichen Hörspiele, Hörbücher, der großartige Stummfilm “Call of Cthulhu“, das Musical “A Shoggoth on the Roof” (mit dem unvergleichlichen Song “Tentacles! Tentacles“!) und “A very scary solstice” – eine Sammlung von Feiertagsliedern in Verbindung mit einer gehörigen Portion kosmischem Grauen.

Und wenn man dann noch als Teilnehmer des ehrwürdigen Rollenspiels “Cthulhu lives” in die Rolle eines der “großen Alten” selbst schlüpfen kann, ist das die endgültige Erfüllung und gleichzeitig die ultimative Blasphemie- damit ist man in einer yog-sothotischen Entsprechung zum letzten großen Geheimnis, welches die traditionelle Magie lehrt: Du bist Gott, also erschaffe und zerstöre!
Und jetzt alle: Tentacles! Tentacles! Tentacles!
*) Anmerkung: Ein Interview mit W. H. Müller (zum Thema Alchimie) habe ich dann doch hier gefunden.
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Materialien:
Das Copyright für Lovecrafts Werke ist am 1. 1. 2008 abgelaufen, deswegen gibt es hier alle Werke (in englischer Sprache) gratis zum Download.
Muss sein: Der Mythos als Comic.
Ebenso unverzichtbar.
CROPfm – Sendung zum Thema Lovecraft, inkl. Lesung von Bernhard Reicher.
Seine Majestät Guillermo Del Toro wird “At The Mountains Of Madness” verfilmen. Lechz!
Hier die komplette (englische) Version des Simon-Necronomicon als PDF-File. IA MAG! IA GAMAG! IA ZAGASTHENA KIA! Aiaiaiai!
Die Gregorius-Version auf Deutsch gibt es hier. Beware!!!







die geschichten haben wirklich ihren ganz speziellen eigenen reiz…. und gerade der mythos macht die geschichten so lebendig und greifbar =)
Wunderbarer und würdiger Artikel!
Ob der (Hobby)Alchemist Rudolf II wirklich wahnsinnig war, bezweifle ich, wenn auch auf alle Fälle einsiedlerisch und unverstanden. Aber als großer Förderer der Künste (etwa den von mir verehrten Arcimboldo) oder Keplers war er auf seine Weise durchaus maßgebend.
Ich freu mich schon mit dir (im Rollenspiel) gegen die GROSSEN ALTEN in die Schlacht zu ziehen und wahnsinnig zu werden!
Tentacles! Tentacles! Tentacles!
Zwei weitere Links zur “pop-kulturellen Verwurstung”:
Ein niedliches (?) Cthulhu Comic:
The unspeakable Vault (of Doom)
http://www.macguff.fr/goomi/unspeakable/
und ein dazu passendes Kartenspiel:
http://www.pegasus.de/1512+M5f1b1ad38d5.html
Viel Spass
Ery
http://www.art-of-arkis.com/grafik/grafik-yogsototh.htm
@ markus! der rudolf II. MUSS wahnsinnig gewesen sein, wenn der die pnakotischen manuskripte besessen hat
nun das w. h. müller-buch trägt halt ein bisserl dick auf, im dienst der sache vermutlich! freu mich auch schon auf den rollenspiel-wahnsinn!!
@erion: danke für die links, den “unspeakable vault” hab ich eh unten in meiner materialsammlung zum artikel genannt; dass es dieses göttliche comic allerdings auch als kartenspiel gibt, hat meine kinnlade doch ziemlich nach unten klappen lassen- danke! superlink!
@arkis: dein bild hat alles erfasst- wie immer! gross! dark!
abschließend noch ein satz, den ich gerade auf der homepage eines kalender-herstellers gefunden habe:
“…Das ›Necronomicon‹ gibt es nicht wirklich, denn es ist ein Zauberbuch.”
hm???
liebe grüsse euch
ze doc
Oops, der Link zum Comic ist mir durchgegangen, entschuldige.
Aber einen haben wir noch:
Der Cthulhu Sticker zum Selbermachen:
http://www.irongeek.com/i.php?page=humor/confunk
Viel Spass beim Basteln und Grüße
Ery
Ribbonthulhu! hehehe
lg
docthulu
…vielleicht könnte Euch in diesem Zusammenhang unser Blog gefallen…
http://www.cthulhu.de/
Gruß
Macthulhu