Psychogone
Heute gibt es auch wieder mal was zu hören! Als Hintergrundmusik zum Thema perfekt geeignet: ein Auschnitt aus dem Soundtrack zu Werner Herzog’s „Nosferatu„-Film von Popol Vuh.
Schon lange bin ich fasziniert vom historischen Spiritismus mit seinen geheimen Zirkeln, Medien, Séancen, Klopfzeichen, Levitationen, Apportphänomenen und ektoplasmatischen Erscheinungen.

"Silver Belle", materialisert von Ethel Post-Parrish
Sicher, da wurde auch immer ordentlich geschwindelt; mögliche Manifestationen mit einem operettenhaften Brimborium umgeben, da wurde aufgebauscht, getäuscht, nachgeholfen. Und der ganze Zauber flog auch oft genug auf; berühmte Aufdecker wie der legendäre Geisterjäger Harry Price haben der staubigen Magie des Spiritismus im heutigen Licht allerdings keineswegs geschadet, haben zu dessen romantischer Patina eher noch beigetragen.

1932: Harry Price bei der Arbeit (Photo von www.harryprice.co.uk)
Wenn aber irgendwas am Spiritismus wahr gewesen sein mag, was wurde bei den Séancen dann eigentlich manifestiert? Verstorbene, astrale Wesen, Poltergeister, Dämonen, Wiedergänger? Vielleicht erzeugte man einfach Psychogone, was ja schon ein Faszinosum an sich darstellt.
Ein „Psychogon“ ist in der Definition des Wiener Schriftstellers Alfred Ballabene eine „magisch erschaffene Astralform, die sich in Extremfällen bis zur Sichtbarkeit verdichten kann.“(Quelle.) Es wäre also z.b. möglich, mittels verschiedener Praktiken (z.b. durch Voodoo-Techniken) ein Abbild zum Leben zu erwecken; da kommt einem natürlich sofort die Legende des Golems in den Sinn.

"Der Golem, wie er in die Welt kam." Stummfilm, 1920
Rabbi Löw hatte im 16. Jahrhundert aus Lehm eine mächtige Figur geschaffen, die der Prager Judengemeinde gegen Lynchjustiz (aufgrund gegen sie erhobener Anschuldigungen des Ritualmords) helfen sollte. Der Golem wurde mittels kabbalistischer Formeln „erweckt“; neben seiner Tätigkeit als Beschützer musste er auch die Stube des Rabbis fegen und die Glocken der Synagoge läuten. Als Kaiser Rudolf II. (der schon wieder!) in einer Audienz dem Rabbi Löw versprochen hatte, die Anschuldigungen gegen die Gemeinde fallen zu lassen, verwandelte dieser den Golem wieder in einen Lehmhaufen.
Soweit die Legende. Abseits von rituell erweckten Abbildern sind Psychogone in einer anderen Definition, nämlich als gedankliche Materalisierungen, wohl leichter herzustellen: Denken wir nur an jene „Traumkörper„, als Abspaltungen von uns selbst, von denen Seth in seinen Channelings durch Jane Roberts in den 1970er-Jahren gesprochen hat. Es reicht bereits ein intensiver Gedanke, gekoppelt mit der entsprechenden Dosis Emotion, um eine Art von Wesen zu erzeugen, das durchaus „menschliche“ Züge tragen kann und die Fähigkeit zu einer gewissen Art von Kommunikation besitzt.

Das Toronto-Experiment: links der Leiter Dr. George Owen, rechts "Philip" in einer Zeichnung der Teilnehmer
Zurück zu den spiritistischen Séancen: Die Möglichkeit, das während dieser Psychogone erzeugt werden, wurde in einem aufsehenerregendem Experiment zwischen 1972 und 1974 im kanadischen Toronto bewiesen. Eine Forschergruppe der „Toronto Society for Psychical Research“ unter der Führung von Dr. George Owen und seiner Frau Iris setzte sich das ehrgeizige Ziel, einen „Geist“ zu erfinden, und diesen dann auch zu manifestieren.
Die Gruppe verzichtete auf ein Medium und setzte stattdessen auf kollektive Zusammenarbeit. Man erfand einen Charakter namens „Philip“ und bastelte eine fiktive Biographie für ihn zusammen. Philip lebte in der Fantasie seiner Erschaffer im England des 16. Jahrhunderts und war ein verheirateter, gottestreuer Bürger, der sich eines Tages unglücklich in eine Zigeunerin namens „Margo“ verliebte. Das Verhältnis flog schließlich auf, und auf Betreiben von Philips Frau wurde Margo der Hexerei bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt; Philip wurde dermassen von Schuldgefühlen geplagt, dass er sich kurze Zeit später das Leben nahm.

Nachdem Philip nun also in der Fantasie erschaffen war, ging man daran, ihn zu beschwören. Über ein Jahr traf sich die Gruppe wöchentlich, reichte sich die Hände, saß rund um einen Tisch und versuchte, Philip erscheinen zu lassen. Nichts geschah; erst als man sich darauf einigte, die Taktik zu ändern- statt starker Konzentration auf Philip ging man dazu über, sich locker über ihn zu unterhalten, sozusagen seine Fantasie schweifen zu lassen- gab es die ersten Erfolge: Klopfzeichen und leichte Bewegungen des Tisches.

Mittels eines speziell entwickelten Antwortcodes war man bald auch in der Lage, mit Philip zu kommunizieren. Bald kündigte er seine Präsenz auch durch einen Temperaturabfall an, liess das Licht flackern oder erlöschen, hob den Tisch in die Höhe und liess ihn im Raum umherfahren. So wie ein richtiger „Geist“ eben. Die Antworten Philips auf die ihm gestellten Fragen jedoch bewegten sich genau abgesteckt in dem Rahmen, den die Gruppe zuvor erdacht hatte; neue Erkenntnisse gab es durch ihn keine. Genau deswegen aber war das Experiment ein voller Erfolg- es bewies eindeutig, das man mittels kollektiver „Vernetzung“ fähig war, eine Art von lebendiger Wesenheit zu erzeugen.
Das Philip-Experiment fand damals viele Nachahmer. Die Toronto-Gruppe selbst erfand einen weiteren Geist namens „Lilith“ (eine Spionin), andere Forschungsgruppen erschufen „Sebastian„, einen Geschichtsforscher, „Axel„, den „Mann aus der Zukunft„, und in Australien entstand das 16-jährige Mordopfer „Skippy“ unter der Leitung von Michael Williams, einem prominenten Forscher des Paranormalen. Heute ist das Toronto-Experiment und seine all seine Nachfolger nahezu vergessen- was schade ist, da es eindeutig beweist, zu welch aussergewöhnlichen Leistungen wir Menschen fähig sind, wenn wir bloß mal unsere Gedanken fokussieren.

"Séance", Kolorierter Holzschnitt von Josef Váchal, 1909 (www.vachal.cz)



Faszinierender Bericht! Die Erschaffung von „Philip“ und anderer, ähnlicher Psychogone (oder Egregores, wie sie auch genannt werden) durch eine zuvor festgelegte Geschichte ist im Grunde genommen ein typischer Akt von Mythomagie
.
Allerdings beweist es meiner Meinung nach nicht notwendigerweise, daß die aufgetretenen spiritistischen Phänomene von diesen magischen Kunstwesen verursacht wurden — es ist ja beispielsweise auch denkbar, daß ein Astralwesen die Phänomene verursacht sowie die korrekten Antworten gegeben hat, indem es die entsprechenden Gedanken der Séance-Teilnehmer gelesen hat, oder nicht? (… Das wäre jetzt ein klassischer Disput von Geistermodell vs. Psychologischem Modell der Magie, der letztlich nicht viel bringt, da ich eh der Meinung bin, daß diese Paradigmen sich in einem übergeordneten Modell integrieren; ich wollte nur darauf hinweisen, daß Deine Schlußfolgerung nicht die einzige oder eindeutige Erklärung sein muß.)
Du hast natürlich vollkommen recht! Das „Toronto-Experiment“ wurde von Skeptikern immer gerne als Beweis dafür herangezogen, dass es überhaupt gar keine übersinnlichen Phänomene geben würde; ich wollte mit diesem Beispiel einfach mal drauf hinweisen, welches menschliche Potential dabei konstant ignoriert wurde…
liebe grüsse,
doc
Ich weiss jetzt nicht wie Ihr zu Lotte Ingrisch steht, aber ich finde ihre Bücher über ihre sehr intensiven Erfahrungen mit der Zwischenwelt und jenseitigen Wesen sowohl hoch interessant als auch motivierend seine eigene jenseitige Vorstellungswelt mit Humor zu erweitern.
Mein Lieblingsbuch von ihr:
Der Himmel ist lustig. Jenseitskunde oder Keine Angst vorm Sterben (2003)
Natürlich hab ich keine Ahnung, ob an dem was sie (in ihren ausgiebigen Konversationen mit jenseitigen Wesen) herausgefunden hat, irgendetwas Wahres drann ist, aber sie schreibt ihre Erfahrung als Erlebnisberichte nieder, die sehr reflektiert und sympathisch sind und dem Jenseits (endlich) den Nimbus als düstere und finstere Endstation nehmen. (Was ohnehin nur eine anerzogene Vorstellungsvorlage ist (just my 2 cents
)
Vielleicht kann CropFM (sprich: Tarek) sie einmal für ein Interview entdecken. Das wäre ein weiteres wertvolles Zeitdokument, festgehalten für die (diesseitige) Nachwelt
Liebe Grüsse
eure rakete
Wie wäre es denn mit 4D(+)-Lebewesen nach folgender Interpretation?
Noch einige Stichwörter … morphogenetisches Feld, Moonchild, Attraktor, Egregores (wie bereits v. Bernhard erwähnt), Genius Loki, Gruppenseele (oder zynischer, Volksseele, nicht nur für Diktatoren übrigens sehr brauchbar, sicherlich bemerkt ihr wo das auch hingeht oder gehen kann?
Liebe Grüße
Tipp: Wer keine Lust hat, sich durch die entsprechende Fachliteratur zu arbeiten, kann das Toronto-Experiment auch als Prosa haben: EX von David Ambrose.
Mal durch Zufall auf irgendeinem Wühltisch gegriffen, wie es halt so ist.
LG
hmm, naja , sagen wir „EX“ hat sich vom „Toronto-Experiment“ inspirieren lassen.. denn der im Buch beschwörte „Geist“ versucht doch, alle Mitglieder der Séance zu ermorden, wenn ich mich recht erinnere…
hab ich übrigens auch mal auf einem Wühltisch entdeckt, das Buch…
liebe Grüsse,
Doc
Bei einigen Sitzungen mit dem Ouija-Board erschuf ich mit Freunden den Weihnachtsmann. Er meldete sich recht schnell und wir plauderten dann mit ihm über seine Rentiere, seine Geschenke, die er so verteilt usw. Das Problem hierbei ist, dass man nicht mit Sicherheit sagen kann, wer sich am Ende der „Leitung“ befinden mag und aus diesem Grunde kann sich ein „Geist“ auch für jeden ausgeben, den man sich wünscht. Von daher würde ich primär davon ausgehen, dass hier nur „jemand“ in die Rolle der erfundenen Person geschlüpft ist.
Liebe Grüße, Jonathan
hallo zusammen!
zuerst mal sorry für das verspätete freischalten eurer kommentare, mein internetzugang zu hause war am wochenende im a…, und leider der zuständige provider nicht dazu zu bewegen, am wochenende was zu reparieren; danke liebe post! dewegen dauerts auch noch ein wenig mit dem neuen artikel auf obskuristan…
ich habe in den kommentaren hier und auch in gesprächen mit freunden gemerkt, dass die möglichkeit, die wesenheit „phillip“ als „menschliche erfindung“ zu sehen, kaum anklang gefunden hat; das finde ich überaus interessant
natürlich besteht die möglichkeit, durch das intensive „erschaffen“ einer irrealen person wesenheiten mit ähnlicher resonanz anzuziehen; ich möchte aber nochmals auf unser vermutlich riesenhaftes „menschliches“ potenzial hinweisen, welches durchaus die möglichkeit beinhaltet, jede menge uns bekannter spiritueller phänomene selbst zu erzeugen….
liebe grüsse euch,
le docteur
Lieber Doc, du bringst mich da auf eine Frage. Was versthest du denn unter „spirituellen Phänomenen“ sonst noch? Kunstwerke, Literatur, Architektur und und und … würd ich da dazunehmen. In Anbetracht, yes! Nur, es gibt Dinge, z. B. die Atombombe, macht zwar ein riesen Licht, aber als spirituelle Erleuchtung würd ich das nicht bezeichnen.
Liebe Grüsse
hello!
sorry , in diesem zusammenhang hätte ich eher „spiritistische“ phänomene schreiben sollen- mir ging es um das menschliche potenzial, welches in der lage ist, tische zu verrücken, klopfzeichen ertönen zu lassen und, nun ja, eben „geister“ zu erzeugen….
liebe grüsse!
doc
Jetzt verstehe ichs besser, denke, diese Untescheidung macht Sinn. Danke!
L.G.