I Hear a New World
1. Tschüss, Phil.
Vor wenigen Tagen wurde Phil Spector für den 2003 begangenen Mord an Lana Clarkson zu einer langen Haftstrafe verurteilt- damals hatte er der Schauspielerin nach einem misslungenen Vergewaltigungsversuch eine Waffe in den Mund geschoben und abgedrückt. Es ist gut, dass der vollkommen durchgeknallte Musikproduzent nun endlich hinter Schloss und Riegel ist: schließlich wird seit den 1960er-Jahren immer wieder von für Spector arbeitenden Musikern und anderen ihm nahestehenden Menschen von seiner ständigen Trunkenheit berichtet, von seiner unglaublichen Agressivität, seinem Sadismus und seinen Psychosen, die er auslebte, indem er ständig schwer bewaffnet herumlief- eine unglaublich gefährliche Mischung, die in dieser Form und Zeitdauer wohl nur durch die lächerlichen Waffengesetze im Land der unbegrenzten Idiotie möglich war.

Voll Gaga: Phil Spector
Spector gilt aber auch als Genie: immerhin hat er mit seiner „Wall Of Sound“ genannten Aufnahmetechnik der Pop-Musik vergangener Zeiten auf die Sprünge geholfen. Zahlreiche Songs diverser, berühmter Interpreten wurden von ihm mit einem Teppich aus verhallten und übersteuerten Schlagzeugspuren, winselnden Orchestern und bis zur Schmerzgrenze jodelnden Frauenchören „aufgepeppt“ , was in früheren Zeiten am Musikmarkt durchaus gefragt war. Andererseits wurde er von den Beatles furchtbar gehasst, weil er ihr „Let it Be“ – Album mit Chören und Streichern wie mit einem klebrigen Zuckerwatteguss überzogen und damit total verhunzt hatte. Die daraus resultierenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Hauptsongwritern Lennon und McCartney dürften übrigens mit ein Grund für die endgültige Auflösung der (sowieso schon zerstrittenen) Beatles gewesen sein.

2. Kindheitserinnerungen an Joe.
Überhaupt aber sind Spectors musikalische Leistungen, sowie sein (vermutlich sorgsam gepflegter) Wahnsinn nur eine Kopie, ein Abklatsch des legendären britischen Produzenten Joe Meek- eine wahrhaft originelle (und auch sinistre) Figur im London der 1950er-Jahre und der frühen „Swingin Sixties„, die Spector sehr wohl bekannt war, und deren bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiet der Aufnahmetechnik er übernahm und für seine Zwecke adaptierte.
Jenen Joe Meek entdeckte ich zum ersten Mal im Alter von 11 Jahren in der zweiten Ausgabe der rororo- „Rocksession“ – da war ein Artikel von Werner Voss drinnen mit dem Titel „Der Satellit aus der 4-Spur- Bandmaschine. Joe Meek und sein R.G.M. Sound„. Was ich da (meistens in der Nacht, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke) las, befeuerte meine Fantasie so dermassen, dass damals wohl einer der Grundsteine für meine lebenslange Obsession mit „toten Rockstars“ gelegt wurde (der andere war das erstmalige Hören des Doors-Songs „Riders on the Storm„, mehr dazu hier).

Voss porträtierte Meek als geheimnisvollen Einzelgänger mit einem Faible für Buddy Holly, Okkultismus, Horror- und Science Fiction-Filme, der in seiner zum Aufnahmestudio umfunktionierten Wohnung in der Londoner Holloway Road an den Knöpfen riesiger Tonbandmaschinen herumschraubte; dabei unglaubliche Hits wie „Telstar“ der Tornados produzierte, dann aber dem Wahnsinn verfiel und im Jahr 1967 seiner Vermieterin und sich selbst das Leben nahm. Wenn das nicht der Stoff ist, aus dem Legenden gewoben werden, was dann? Grosser Respekt gebührt diesem Autor, der zu einer Zeit Informationen über den Genius Meek präsentierte, als dieser schlicht und einfach als obskure Fußnote der Rockgeschichte vollkommen der Vergessenheit anheimgefallen war.

Junger Genius: Joe Meek
3. Das Genie.
Als der 1929 in Gloucestershire geborene Joe Meek Ende der 1950er-Jahre die Nase endgültig voll hatte von seiner Tätigkeit als balance engineer in den grossen Aufnahmestudios und von den endlosen Streitereien mit den vergreisten Technikern dort, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit als Ton-Ingenieur, Produzent und Labelchef in Personalunion. Von keinen Konventionen mehr zurückgehalten, kam sein unglaubliches Genie zum Vorschein: er konstruierte Hallgeräte, erfand im Alleingang Effekte wie Kompression, Wah-Wah und Reverb, arbeitete mit Geräuschen die er vom Fernseher auf Tonband aufnahm und dann in ihrer Geschwindigkeit veränderte, oder die er auch selbst erzeugte- „er deponierte Mikrophone an Wasserleitungen, in Toilettenbecken oder Mülltonnen, er trommelte mit seinen Fäusten auf Türen und Instrumentenkästen, trampelte auf dem Fußboden, kratzte mit einem Schraubenzieher auf Glas und bewirkte künstliche Kurzschlüsse in Verstärkern“ (zitiert aus Voss, „Rock Session 2„, rororo 1978).
In sein Appartment in 304 Holloway Road quetschte er oft ein kleines Orchester und verteilte die einzelnen Musiker auf drei Etagen in die Küche, ins Schlafzimmer und in das Wohnzimmer. Der Sänger wurde im Bad plaziert- von daher rührt auch der berühmte „Badezimmer-Hall„, den man auf so vielen Rock’n Roll-Produktionen von damals und auch später noch hören kann (im Gegensatz zu Meek reproduzierten andere Toningenieure diesen Effekt allerdings mit technischen Hilfsmitteln).

Kreatives Chaos: Der "Control Room"
Hier eines der Meisterwerke Meek’s als Produzent: Geoff Goddard mit „Sky Men“ (1963). Ich liebe diesen Text…
In seinem „Control Room„, zu dem niemand ausser ihm Zutritt bekam, kontrollierte Meek das ganze Geschehen, nahm es auf, veränderte es. Er spielte wie ein Pianist mit seinen Reglern, wusste um jedes einzelne Tonband-Schnipsel, um jede noch so ungewöhnliche Verkabelung. In diesem kleinen Reich war er der uneingeschränkte Herrscher über die Maschinen und produzierte Hits am laufenden Band; neben „Telstar“ und anderen Nr.1-Hitparaden-Singles erfand er für seinen Schützling, den Schauspieler und Sänger John Leyton auch das Genre der „Death Disc“ neu: in Liedern wie „Johnny remember me„, „Tell Laura i love her“ oder „Wild Wind“ ging es um tote Geliebte, die nach einem Unfall oder Selbstmord aus dem Jenseits nach ihrem Partner „riefen“ – die BBC verbannte die meisten dieser Singles wegen ihrer „morbiden“ und „widerwärtigen“ Texte, bei den damaligen Teens war das aber natürlich der letzte Schrei.

König der "Death Disc": John Leyton
4. Das Okkulte.
Neben seinem Interesse für Science Fiction war Meek vom „Okkulten“ geradezu besessen. Regelmässig hielt er mit Freunden spiritistische Zusammenkünfte ab, bei denen Tarotkarten gelegt und mit einem Ouija-Brett experimentiert wurde. 1957 wurde Meek bei einer dieser Séancen mitgeteilt, dass sein kultisch verehrter Star Buddy Holly an einem 3. Februar sterben werde. Meek war in Panik – drang nach einem Konzert der Crickets in London sogar bis zu seinem Idol vor, um ihm einen Brief mit schriftlicher Warnung zukommen zu lassen. Als Buddy Holly dann im Alter von nur 22 Jahren zusammen mit Ritchie Valens und Big Bopper tatsächlich am 3. Februar 1959 bei dem Absturz eines kleinen Privatflugzeugs starb, brach für Meek eine Welt zusammen; andererseits gab es für ihn in spiritistischen Aktivitäten von nun an kein Halten mehr. Ab diesem Zeitpunkt wurden sämtliche musikalische Projekte von Hinweisen aus dem „Jenseits“ abhängig gemacht.

The day the music died...
5. Das Ende.
Ob der starke Fokus auf den Spiritismus gut für den hochsensiblen Meek war, ist zu bezweifeln. Davon abgesehen musste sein fragiles Selbstbewußtsein in den frühen 1960er-Jahren einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen. Die Hitparadenerfolge seiner Singles blieben ebenso plötzlich und dramatisch aus, wie sie gekommen waren- trotz verdoppelter und verdreifachter Anstrengungen (Meek war inzwischen abhängig von Amphetaminen und schlief kaum noch) gelang es ihm kaum mehr, nennenswerte Stückzahlen abzusetzen. Meek hatte sich nie groß um die finanzielle Seite seines Geschäfts gekümmert, das rächte sich nun bitter. Seine Plattenfirma brach praktisch über Nacht zusammen, Rechnungen für Equipment blieben unbezahlt; zornige Studiomusiker mussten auf ihre -sowieso selten gezahlten- Gagen verzichten.
Besonders schlimm war das Jahr 1963: Meek wurde bei sexuellen Aktivitäten auf einer öffentlichen Herrentoilette ertappt und bei der Polizei nach der Bezahlung einer Geldbusse als Homosexueller registriert; damit war sein sowieso schlechter Ruf im damals stockkonservativen Grossbritannien endgültig beschädigt. Auch Heinz Burt, blondgefärbter Bassgitarrist der Tornados, der ein paar Monate in 304 Holloway Road gewohnt hatte und in den Meek rettungslos verliebt war, zeigte ihm plötzlich die kalte Schulter, nahm sich eine Freundin und schied in bitterbösem Streit von seinem Mentor.

Joe Meek's unerfüllte Liebe: Heinz Burt (1942 - 2000)
Unter diesem ganzen Druck brach die Psyche Meeks zusammen und es entwickelte sich eine gefährliche Schizophrenie, die sich in Wahnvorstellungen und unkontrollierbaren Wutausbrüchen äusserte. Es ist vermutlich sinnlos, darüber zu spekulieren, ob die zahllosen „Jenseitskontakte“ eine Besetzung hervorgerufen hatten; Tatsache bleibt jedoch, dass Meek sich in seiner letzten Lebenszeit von Geistern verfolgt fühlte, ständig bösartig wispernde Stimmen hörte und manchmal solche Angstzustände bekam, dass er im Schlafanzug auf die Strasse rannte und nur mit Mühe dazu bewegt werden konnte, in seine Wohnung zurückzukehren. Und während dieser hochproblematischen Zeit arbeitete er wie besessen weiter an seiner Musik, produzierte Song auf Song; Material, welches niemals das Licht der Öffentlichkeit erblickte.
Besonders mysteriös und letztlich ungeklärt bleibt die mögliche Verwicklung Meeks in einen bizarren Mordfall- der zerteilte Körper eines Jugendlichen war in zwei Koffern nahe der Themse entdeckt worden; Meek galt vermutlich als Verdächtiger, da er den Jungen gekannt hatte. Er dürfte auch polizeilich einvernommen worden sein, durch sein Ableben scheint der Fall aber im Sand verlaufen zu sein.

Schlimme Schlagzeilen...
In seinen letzten Lebensmonaten beschränkte sich Meeks Kommunikation mit seinem Assistenten Patrick Pink (alias Robbie Duke) und den selten gewordenen Besuchern auf Mitteilungen, die er auf kleine Zettel kritzelte; er hatte die fixe Idee (die möglicherweise gar nicht so weit hergeholt war), dass die Plattenindustrie ihn ausspionieren wolle, um seine zahlreichen Erfindungen zu klauen. Am 3. Februar 1967, dem achten Todestag von Buddy Holly, schrieb Meek für Pink seine letzte Anweisung auf: es war die Bitte, seine Vermieterin zu ihm in den ersten Stock zu schicken; weiters schrieb Meek: „I’m leaving now. Goodbye.“ – ein Satz, den der Assistent tragischerweise nicht richtig deutete. Als die Vermieterin bei Meek war, zog er eine Schrotflinte hervor und erschoss sie aus unbekannten Gründen (er war weder mit der Miete im Rückstand noch lag er im Streit mit umgänglichen Dame). Während sie die Stiege hinunterfiel, richtete Meek die Schrotflinte gegen sich selbst und tötete sich ebenfalls. Er wurde gerade mal 37 Jahre alt.

Letzter Überlebender: Patrick Pink
6. Das Erbe.
Eine richtige Meek-Manie hat es zu meinem grossen Bedauern bis heute nicht gegeben- zumindest aber sind Meek’s bekanntere Werke heute alle auf CD erhältlich und es gibt ein paar gute Bücher, die sich ernsthaft mit dem Leben und den Errungenschaften dieses tragischen Genies beschäftigen. 2007 wurde der Film „Telstar“ gedreht, der sich mit den Tornados und in weiterer Folge natürlich auch mit Joe Meek beschäftigt (und mit Kevin Spacey sogar sehr prominent besetzt ist). Seit der Streifen in die Post-Produktionsphase ging, herrscht allerdings Stillschweigen- man kann nur hoffen, das „Telstar“ nun wirklich im Juni 2009 (wie auf IMDB angekündigt) das Licht der Öffentlichkeit erblickt.

Für mich selbst ist Joe Meek das ultimative Idol, was vermutlich an dem oben erwähnten Artikel liegt, den ich in so jungen Jahren über ihn gelesen habe; kindliche Faszinationen sind ja bekanntlich unheimlich stark und erhalten sich unvermindert bis zum Tod. Als es mir Jahre später endlich möglich war, von Meek produzierte Songs zu hören, war ich von dieser einmaligen Mischung aus Innovation, Hitpotential, Outsidertum und Kitsch restlos begeistert. Am schönsten offenbart sich das in „I hear a new World„, einem Projekt, das Meek eigentlich mehr oder weniger für sich selbst machte- eine Veröffentlichung gab es zwar; da sich die Platte aber nicht verkaufte, verschwand sie ganz schnell in der Obskurität. Für Meek selbst dürfte es nichts geringeres als sein Lebenswerk gewesen sein: hier verpackte er alle Sehnsüchte nach einem neuen Utopia in wegweisendem Space Age-Pop, der für die damalige Zeit mit unglaublichen Effekten glänzt, andererseits wiederum knapp an der Grenze zur Lächerlichkeit angesiedelt ist: ein absolutes Must-Have! Gibt es leider nicht mehr zu kaufen, hier wenigstens ein kleiner Auschnitt daraus:

Das Meisterwerk...
Die Wohnung samt Studio in 304 Holloway Road ist übrigens nicht zu einem Museum geworden (was eine Schande ist). Auf Betreiben alter Weggefährten wurde wenigstens von offizieller Seite aus eine kleine Plakette angebracht, dies allerdings in einer solch absurden Höhe, dass sie sich den Platz mit einem Satellitenschirm teilen muss. Bald nach Meek’s Tod wurde die Wohnung weitervermietet; später fungierte sie als Notschlafstelle für Obdachlose und steht nun (wie das restliche Haus) seit geraumer Zeit leer; laut neueren Infos ist zu befürchten, dass der ganze Gebäudekomplex überhaupt bald einmal wegen seiner Baufälligkeit abgerissen wird.

304 Holloway Road vor zwei Jahren, Meek's Wohnung war auf der linken Seite. Unter dem Satschirm die Gedenkplakette
Die Inhaber des inzwischen geschlossenen Geschäfts für Fahrradzubehör (welches den Platz der vorherigen Schusterei im Parterre des Hauses einnahm) haben übrigens gegenüber Zeugen mehrmals glaubhaft versichert, vor allem um Meek’s Todestage herum des öfteren Schritte, Stimmen und Geräusche aus der leerstehenden Wohnung über ihnen vernommen zu haben.

Meek am Ende seines Lebens. Photo: Clive Bubley
Materialien:
„The legendary Joe Meek“ von John Repsch- gehört in jede Bibliothek!
„Joe Meek’s Bold Techniques“ von Barry Cleveland, auch sehr informativ, gibt’s inzwischen leider nur mehr antiquarisch.
The Joe Meek Page von Jan Reetze: liebevoll aufbereitet und sehr detailliert.
Brave Leute: Die englische Joe Meek Society.
Da gibts die tolle Joemeek – Hardware, die ich gerne mein eigen nennen würde. Zu teuer!
Und das da, naja nur so zur Info…
Ausserdem: This makes me crazy! Das Video zu „Robot“ von den Tornados:
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Ein kleiner Schrein für ein grosses Genie...
~ von nachtstrom am Juni 1, 2009.
Veröffentlicht in Tote Rockstars
Schlagworte: 304 Holloway Road, Barry Cleveland, Heinz Burt, I hear a new world, Joe Meek, John Leyton, John Repsch, Patrick Pink, Phil Spector, Telstar, Tornados, Werner Voss



Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie du mit 11 Jahren unter der Decke, mit einer Taschenlampe ausgerüstet, deine ersten Rockerleuchtungen hattest!
Wie immer ein lesenswerter Artikel!
danke fürs kompliment!
ja damals mit 11 unter der decke.. so eine lebhafte phantasie hätte ich noch heute gerne… ich hatte ja wirklich jahrelang keine ahnung wie joe meek produktionen klingen, unglaublich was man sich da ausdenkt!
liebe grüsse!
ze doc
….vielen dank für horizonterweiterung und grüsse aus zagreb
…stets zu diensten!
liebe grüsse,
dein doc
dieser link könnte interessant sein: http://thepiratebay.org/torrent/3963889/Arena_-_The_Strange_Story_of_Joe_Meek_-_BBC.avi
hi!
ja den hab ich eh schon unter dem artikel gepostet..
..extrem klasse und wichtige doku finde ich! vorallem heinz burt, geoff goddard und lord sutch in ihren späten lebensjahren.. irgendwie herzzereissend..
liebe grüsse!
docteur