Ich gebe es ehrlich zu: Das Thema Magie ist in diesem Blog bisher ein wenig zu kurz gekommen, es war einfach nicht so mein Ding. Irgendwie scheint sich das aber in der letzten Zeit zu ändern; schuld daran sind einige Bücher zum Thema, die ich mit wachsendem Interesse zu lesen begonnen habe, ausserdem der angenehme Luxus eines exklusiven Einzel-Coachings, welches mir von Mythomagier Bernhard Reicher gewährt wurde und mich im Rahmen des LOA-Themenkreises mit hochinteressanten magischen Techniken bekannt gemacht hat.

In den letzten Tagen (und Nächten) habe ich viel recherchiert, quergelesen, war irritiert und fasziniert. Was ich nach wie vor kaum aushalte, ist die sicherlich ehrwürdige, nichtsdestotrotz fürchterlich unzeitgemässe Zeremonial-Magie. Man nehme als Beispiel nur die leichteste aller magischen Übungen, das “Kleine bannende Pentagrammritual” : Es ist dies eine furchtbar langwierige Angelegenheit, bestehend aus dem Ziehen des “Kabbalistischen Kreuzes” , dem mehrmaligen Schlagen von Pentagrammen, der Imagination eines Hexagramms, dem Ziehen eines magischen Schutzkreises, der Anrufung von vier Erzengeln, einem weiteren “Kabbalistischen Kreuz” und der Rezitation einer “Entlassungsformel” .

Frater V.·.D.·. aka Ralph Tegtmeier
Frater V.·.D.·. (alias Ralph Tegtmeier) rät in seinem Buch “Schule der Hohen Magie” (welches auch für Nichteingeweihte einen recht interessanten Blick hinter die Kulissen der magischen Zunft bietet), dieses Ritual mindestens zweimal täglich zu vollführen – es gehört sozusagen zur “Grundausrüstung” der Magie und begleitet deren Ausführenden ein Leben lang – ausserdem ist es, der Name verrät es schon, nur das “kleine” Ritual, kaum auszudenken, wie lange man für das “Grosse bannende Pentagrammritual” brauchen mag.

Magische Techniken: "The Secret"
Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Traditionen und auch Rituale finde ich im richtigen Rahmen äusserst sinnvoll (dazu später noch mehr). Wozu man aber mindestens zweimal täglich eine dermassen aufwendige Litanei herunterbeten soll, nur um sich 1. in Imagination, Visualisierung und Konzentration zu üben und 2. sich gegen die beschworenen Mächte schützen zu können, ist mir wirklich ein Rätsel. Dieses Ritual erscheint mir eher als Geduldsprobe und/oder als Abschreckung: Erdung und eine schützende Hülle kann sich heute schon in Sekundenschnelle imaginieren, wer auch nur einmal “The Secret” oder Ähnliches gelesen hat.
Es ist für mich auch nicht einzusehen, warum man sich freiwillig mehrmals täglich an Bewußtseinsfelder der jüdischen Mystik und noch dazu der katholischen Kirche andocken soll, nur um Magie betreiben zu können. Und das mit den “bösen Mächten” , vor denen man sich mit einem Bannkreis schützen muss, ist auch so eine Sache – während Frater V.·.D.·. in seinem Buch eingangs mehrmals darauf hinweist, dass “Angst” der grösste Hemmschuh der Magie sei, malt er kurz darauf in den Erklärungen zum “Kleinen Pentagrammritual” bereits in düstersten Farben aus, was passieren könnte, wenn man den einmal imaginierten Bannkreis vorzeitig verlässt: da blühen dem Magier nämlich Wahnsinn und Tod.

Ob diese Aussagen für den erste Schritte in der zeremoniellen Magie unternehmenden Adepten besonders sinnvoll sind, sei dahingestellt; meine anfängliche Irritation wandelte sich allerdings in Verständnis durch Bernhards Erklärung, dass das “Angstmachen” zu der “Initiation” als Magier dazugehört – damit würde sich die Gilde der Magier so quasi ihren exklusiven Status bewahren und die Mysterien schützen sich selbst. Tegtmeier erzählt also mit voller Absicht “Geistergeschichten am Lagerfeuer” und agiert somit wie die patriachalischen Geheimgesellschaften früherer Zeiten, vermutlich sowas wie eine Art “Berufskrankheit” dieser Zunft.

Scheibenwelt-Meister: Terry Pratchett
Heutzutage gibt es keine Isis mehr zu entschleiern – die “ultimative Blasphemie” , also dass der Mensch gleich Gott ist, muss nicht mehr in jahrzehntelangen geheimen Unterweisungen erfahren werden, sie bildet die Grundlage modernen, positiven Denkens. Wenn ich die langwierigen Unterweisungen der Zeremonial-Magie studiere, muss ich automatisch an eine grossartige Szene in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Roman “Das Licht der Phantasie” denken, in welcher der altehrwürdige Obermagier Galder Wetterwachs vor seinen ebenfalls altehrwürdigen Kollegen das Ritual von Ashk-Ente durchführt; in einer, wie Pratchett schreibt, sehr “ernsten, okkulten Atmosphäre” : “Überall lagen Widderhörner, bleiche Totenschädel, verschnörkeltes Metall und dicke Kerzen – obgleich einige jüngere Magier herausgefunden hatten, dass man das Ritual von Ashk-Ente problemlos mit drei kleinen Holzstücken und vier Kubikzentimetern Mausblut durchführen konnte” .
Nach langer Intonation von mit bebender Stimme vorgetragener Beschwörungsformeln erscheint dann endlich eine grosse, dunkle Gestalt: “Eine schwarze Kutte samt Kapuze verhüllte den grössten Teil des Körpers, und das war auch besser so. In der einen Hand hielt der Unbekannte eine lange Sense, und selbst den kurzsichtigen Magiern entging nicht, dass die Finger nur aus weißen Knochen bestanden. In der anderen Hand sah Galder einige Käsewürfel und eine Ananasscheibe am Spieß. ‘NUN?’ fragte der Tod mit einer Stimme, die kälter war als ein Eisberg. Er bemerkte die verwunderten Blicke der Magier und sah auf den Käse. ‘ICH HABE GERADE EINE PARTY BESUCHT’ fügte er ein wenig vorwurfsvoll hinzu” .

Der coolste Typ der Scheibenwelt: Tod
Der Tod (der sicherlich die allergenialste Figur in Pratchetts fantastischem Paralleluniversum darstellt) reagiert recht ungehalten auf das bitter ernste, ewig andauernde Ritual, da er wenig Zeit hat – er will zurück auf die Party, auf der einstweilen noch eine prächtige Stimmung herrscht – was sich um Mitternacht ändern wird, denn dann erwarten die anderen Gäste nämlich von Tod, dass er seine Maske ablegt. Soweit die Szene aus Pratchetts “Das Licht der Phantasie” (deren äusserst hintergründigen Humor man nur schwer wiedergeben kann); neben den humorvollen Aspekten der Scheibenwelt kommt man nicht umhin zu bemerken, dass Pratchett einen mehr als tiefgründigen Blick hinter die Kulissen der zeremoniellen Magie geworfen haben dürfte; immer wieder parodiert er überkommene magische Traditionen und deren Protagonisten auf köstliche Art und Weise.
Obwohl natürlich noch jede Menge konservativer Seilschaften den beschriebenen traditionalistischen Formen der Zeremonial-Magie huldigen (und dabei am liebsten auf ewig unter sich bleiben wollen) hat zum Glück für uns moderne Menschen schon vor längerer Zeit eine Revolution in der Magie und damit ein Zusammenbruch der überkommenen Werte stattgefunden. Es ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, was die zu ihrer Zeit “jungen Wilden” Aleister Crowley, Austin Osman Spare und später Peter Carroll bewirkt haben: sie haben die Magie von alten, hindernden Fesseln gelöst und für den heutigen Menschen erschlossen. Während mir persönlich Crowley vermutlich immer suspekt bleiben wird, ermuntert mich die von Spare entwickelte “Sigillenmagie” und Carroll’s “Chaosmagie” dazu, meine eigene Kreativität spielen zu lassen.

Gerade die Chaosmagie mit ihrem erfrischend respektlosen Umgang mit dem “magischen Erbe” ist mir dabei höchst sympathisch. Für entsprechende Systeme wird ausgewählt, was Spaß macht, da finden sich Elemente aus Terry Pratchetts “Scheibenwelt“-Romanen wie Symbole, die von den Fantasy-Werken Michael Moorcocks inspiriert sind, da findet der absurde Witz der seligen Marx-Brothers ebenso seinen Platz wie das verrückte Universum des “Illuminatus!“-Erfinders Robert Anton Wilson. Am besten gefällt mir der sogenannte “Paradigmenwechsel” , ein grundsätzliches Element chaosmagischer Beschwörungen: Magiemodelle werden (auch oder gerade wenn sie als unvereinbar gelten) je nach Lust und Laune verwendet – der Magier gestattet sich, für die Zeit des Rituals fest an das dahinterstehende Paradigma zu glauben; in diesem Sinne wäre dann sogar auch das eingangs erwähnte “Pentagrammritual” mit Spaß an der Sache durchführbar.
Chaosmagier werden oftmals als lustige, weltoffene Menschen beschrieben – welch ein angenehmer Unterschied zu der (bewusst angestrebten?) muffig-düsteren Selbstdarstellung der magischen Zunft. Mir macht das unglaubliche Lust, “magisches Lego” zu spielen und mein eigenes magisches System zu entwerfen – “ObskuriMagie” würde ich das dann nennen und das zugehörige Grundlagenwerk “Liber Obskuristan” .

Mythomagier: Bernhard Reicher
Abseits von solchen Spielereien hat mein Freund Bernhard Reicher in jahrzehntelanger Arbeit ein geniales System entwickelt, welchem er den Namen “Mythomagie” gegeben hat. Mittels der bildhaften Sprache von Mythen, Sagen und Legenden werden dem Interessierten “symbol-logische Veränderungen in Teilen des Unbewußten [und damit] auch Änderungen in der persönlichen Wahrnehmung ermöglicht” (Zitat). Einige “magische Techniken” von Bernhard durfte ich, wie eingangs erwähnt, vor kurzem kennenlernen – in einer meiner Meinung nach genialen Verquickung zwischen den LOA-Prinzipien (mehr dazu hier) und Ritualen, welche die Realisierung des Gewünschten oder Herbeigesehnten verstärken.
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Die Homepage der Mythomagie mit weiterführenden Informationen.
Mehr zur Chaosmagie.
Tipp: Um Chaosmagie geht es auch in der CROPfm -Sendung vom 06.11. 2009 – hier nachzuhören.




Schöner Artikel.
Was immer wieder spannend erscheint, wenn es doch schon einige gibt, die Magie, LOA, Schtzschild aufbauen, womöglich “mentale Angriffe” auf Andere oder einfach nur Ausprobieren der Wirksamkeit der eigenen Magie an anderen oder sonstige Mindtechniken betreiben, wie wirkt sich das im Alltag aus.
Einfaches Beispiel: Man stelle sich eine beliebeige Alltagsszene vor, Strassencafe, Biergarten, Kneipe, Disco, was auch immer. Weiss man denn wer von den schweigsam oder auch redend dreinblickenden irgendwelche Magie, Mind Technik oder Mind Control betreibt, die er so in die jeweilige Situation sendet.
Wir wären dann ja permanent irgendwelcher Magie oder vermeintlicher Gedankenkontrolle irgendwelcher Magiere oder zumindest Adepten ausgesetzt, denkt man noch an all die religiösen oder auch indischen Mantras die dazukommen könnten…….etc. etc.
Ohne jetzt hier übertreiben zu wollen, aber man schaue einfach was bezüglich dieser Mindtechniken, Magiertechniken etc. alles auf dem Markt ist, Bücher, Seminare, etc. Es scheint also doch irgendeine recht grosse Subszene zu geben, die sich damit beschäftigt und vermutlich ja auch all diese Techniken etc. “ausprobiert”.
Nach aussen das so oder so blickende Gesicht, dahinter alle möglichen magischen Gedanken oder sonstigen Mantras. Es scheint auch Anzeichen zu geben, an denen man sie erkennt.
Hier wären wir wieder bei dem Artikel über Landbeaters Mentalfelder, in den Mindfields etc.
Oder eben in der Mind Control, wo eben wieder der eine des anderen Mind Kontrolleur sein könnte. Schöne neue Welt, voller Magie und Spannung.
Eigentlich schon ein Evolutionssprung, wenn sich mehr und mehr in diesen virtuellen Welten tummeln…
Willkommen in der Matrix.
Das sind doch eben alles defiziente Quantitäten und keine Qualitäten. Genau dies ist sognt. Fastfood-Esoterik und lediglich für all die Verlage ein riesen Geschäft, und für aufgeblähte Superegos die Spielbühne ihrer Eitelkeiten. Wer Magie erleben will besuche mal eine katholische Messe. *g* Moderne Magier sind Manager und sitzen heutzutage in Aufsichtsräten … yes willkommen in der Matrix!