Um meine geliebten toten Rockstars schleiche ich meistens rum wie ein Hund um einen leckeren Knochen: bereit, lustvoll zuzuschnappen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und die ergibt sich ziemlich oft, denn für einen echten Fetischisten wie mich gibt es da jede Menge zu tun – Gespräche mit den wenigen auserwählten Freunden führen, die vom Thema wenigstens ein bisschen so fasziniert sind wie ich, meine Bibliothek ordnen und die besten Stories immer wieder nachblättern bzw. von vorne lesen, im Internet nach neuen Fotos und Beweisen für passende Verschwörungstheorien Ausschau halten und am Eingang vom Amazon-Tempel lauern, um sich die leider viel zu seltenen Neuerscheinungen sofort nach deren Auftauchen zu sichern.

Unlängst hat man wieder mal ein Einsehen mit mir gehabt und hat mir ein neues Suchtmittel in Form eines Buches geschickt. “The Rock & Roll Book of the Dead” heisst es und hat mir schon aufgrund des Titels Rührungstränen in die rotgeränderten Augen getrieben. Der mir bisher unbekannte Autor David Comfort beschreibt darin “The Fatal Journeys of Rock’s Seven Immortals“, meint mit diesen sieben Unsterblichen Elvis Presley, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, John Lennon, Kurt Cobain sowie Jerry Garcia und hat zu meiner Freude ein ziemlich tiefgängiges und vor allem mutiges Werk abgeliefert.

David Comfort
Über tote Rockstars zu schreiben ist nämlich sicherlich ein lohnender Job, kritisch über tote Rockgötter zu schreiben hingegen ein Wagnis. David Comfort tut Letzteres und steht damit in der Tradition eines anderen, sehr streitbaren amerikanischen Professors namens Albert Goldman, der sich bereits 20 Jahre zuvor mit kritischen Biographien gehörig in die Nesseln gesetzt hat: Er schrieb ein Buch über Elvis Presley, dessen Tod durch Medikamentenüberdosis er als Selbstmord interpretierte und danach eines über John Lennon, den er (wohl als erster Biograph überhaupt) als gewalttätigen, höchst neurotischen Menschen porträtierte. Das war allerhöchste Blasphemie, denn im Schwarz/Weiss-Denken seiner zahllosen Fans ist Lennon natürlich immer nur der Friedensengel schlechthin gewesen – dass er ein ziemlich unsympathischer, fieser Typ gewesen ist und sich gleichzeitig ebenso (werbeträchtig) für den Weltfrieden einsetzte, wollten (und wollen) seine Verehrer natürlich auf gar keinen Fall verstehen.

Das meistgehasste Buch unter Lennon-Fans...
Goldman’s sorgfältig recherchierte Biographie (die nicht frei von Fehlern ist, aber welche Biographie ist das schon?) wurde selbstverständlich kollektiv als ein aus reinem Hass entstandenes Lügenmachwerk abgestempelt. Darüber zu lesen, dass Lennon vermutlich eine Affäre mit dem 1967 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Beatles-Manager Brian Epstein gehabt hatte oder dass er die letzten, armseligen Jahre seines Lebens quasi als “Gefangener” seiner psychotischen Frau Yoko Ono in einem Zimmer seines Appartments in jenem fluchbeladenen Dakota-Gebäude in New York verbracht hat (der letzte Sekretär der Lennons, Frederik Seaman, hat unabhängig von Goldman ausführlich in einem Buch darüber berichtet), dass mag natürlich weh tun; es ist aber einer ehrlichen, posthumen Auseinandersetzung mit der vielschichtigen, deswegen überaus faszinierenden Persönlichkeit Lennons mehr als dienlich.

Diva und Nervensäge: Janis Joplin
So ist das eigentlich generell mit den auf so hohe Sockel gehobenen toten Rockgöttern: als Menschen waren sie ausnahmslos meilenweit davon entfernt, nett zu sein. Der überaus sensible und hochbegabte Jimi Hendrix neigte fast immer dazu, im Suff seine zahllosen Groupies und Freundinnen zu verhauen; Janis Joplin, die Hippie-Göttin schlechthin, war unter all ihrer theatralischen Kostümierung und dicken Schminke eine hässliche und deswegen sehr unsichere junge Frau, was sie zu einer nahezu unerträglichen Diva und Nervensäge machte, ebenso wie der Doors-Frontmann und Exzess-Gigant Jim Morrison im täglichen Umgang mit Bandkollegen und Freunden ein richtiges Arschloch gewesen sein soll.
Desgleichen Kurt Cobain, der sich (wie Nick Kent in seiner vorzüglichen Essaysammlung “The Dark Stuff” schreibt) in seiner Jugend nichts sehnlicher gewünscht hatte, als ein Rockstar zu sein – als er es dann letztendlich war, wollte er nur noch schlafen, in Ruhe gelassen werden und sich mit Muße seinem Leiden an der bösen, lästigen Welt und der seiner Meinung nach als Schutzpanzer gegen diese fungierenden Drogensucht widmen.

Und wieder mal 'ne Überdosis: Kurt Cobain
Die Drogen-, Alkohol- und Betäubungsmittelsucht, all den genannten “Sieben Unsterblichen” (und allen anderen toten Rockstars) in verschiedensten, phantasievollen Variationen eigen, veränderte deren Charakter logischerweise nicht nur massiv, sondern führte in ihrer Entgleisung ausserdem dazu, dass jene gegen Ende ihres kurzen Lebens abseits der Auftritte im Rampenlicht kaum noch oder gar nicht mehr lebensfähig waren. Tony Sanchez, ehemaliger Drogendealer der Rolling Stones, beschreibt einen typischen Tag im Leben des mit 27 Jahren verstorbenen frühen Stones-Gitarristen Brian Jones so: “He’d wake up in the morning, take leapers (speed), cocaine, some morphine, a few tabs of acid, and maybe some mandrax. Then he’d try to get dressed and end up with, like, a lizard-skin boot on one foot and a pink shoe on the other. Then he’d find he could’nt stand up.” (Zitat aus Nick Kent, “Brian Jones, Tortured Narcissus” in “The Dark Stuff“, Faber and Faber, 2007).

Dead Men Walking: Brian Jones und Jimi Hendrix
Elvis Presley wiederum, der Drogen nicht nur strikt ablehnte, sondern sich ausserdem von Präsident Nixon 1970 bizarrerweise zum “Federal Agent” im “Kampf gegen Drogenmissbrauch” ernennen liess, hatte einen Tablettenkonsum in Rekordhöhe nachzuweisen – Biographen haben ausgerechnet, dass sich der “King” in seinen letzten Lebensjahren an die 12.000 Betäubungsmittel verschiedenster Wirkung verschreiben liess.

Bizarres Treffen: Tricky Dick und Agent Elvis
Solche Exzesse konnten logischerweise zu nichts anderem als zu einem frühen Tod führen, ob nun gewollt oder ungewollt. Ganz klar, dass der für uns Normalsterbliche unvorstellbare Druck auf diese Superstars als Ikonen ganzer Generationen und ihr praktisch nicht mehr existentes Privatleben sich sehr zu Ungunsten auf ihr Suchtverhalten auswirkte; Comfort zeigt in “The Rock & Roll Book of the Dead” aber auch bisher weniger bekannte Details aus der Kinder- und Jugendzeit der genannten Rockstars auf – da findet sich fast bei jedem/jeder eine Liste an Missbrauch, Alkoholismus der Eltern, dramatisch frühe Tode derselben und daraus resultierende Vereinsamung des jeweiligen Kindes; davon abhängig oder nicht freilich auch eine geradezu krankhafte Selbstbezogenheit, ja Selbstverliebtheit der späteren Stars in jugendlichem Alter.

Was man bei der Lektüre über all diese skandalträchtigen, kurzen Leben dieser Menschen niemals vergessen sollte, ist die künstlerische Glanzleistung, die von persönlichen Kalamitäten im Nachhinein unangetastet bleibt und den Platz der toten Rockstars in ihrem ewigen Olymp mehr als rechtfertigt: wenn man heute Jimi Hendrix hört, klingen seine vor 40 Jahren aufgenommenen Platten noch immer mehr nach wunderbar spaciger Science Fiction als nach Sixties-Gitarrenrock; die Stimme von Janis Joplin lässt einem noch immer die bluesigen Gänsehäute en Masse über den Rücken laufen; Jim Morrisons Gesang thront noch immer majestätisch über einem brodelnden Abgrund undurchdringlicher Schwärze, während John Lennon mit seinem “Imagine“, jenem ebenso simplen wie überirdisch schönen Lied bis in alle Ewigkeit die Tränen seiner Hörer sofort fast ungehindert fliessen lassen wird – pure Magie, wie sie eben nur diese schwierigen wie ebenso aussergewöhnlichen Persönlichkeiten zustande bringen konnten.
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“The Rock & Roll Book of the Dead” ist im September dieses Jahres erschienen.
Die Homepage zum Buch, mit Leseproben desselben und, voll lässig – mit Geistergitarre!
Essentiell: “The Dark Stuff” von Nick Kent.
Zum Weiterlesen: meine eigenen, bescheidenen Blog-Beiträge zu
Joe Meek und
Zum Weiterhören: euer Docteur als Gast zum Thema bei CROPfm.
Und als Spezialist beim Deutschlandradio (zum Thema Suizid von Rockstars am Beispiel von Joy Division-Sänger Ian Curtis).







Guter Bericht Doc!
Das Thema liegt dir einfach….
Stellt sich die Frage, ob diese genialen Egomanen auch als selbstreflektierte, selbstlose, reife Charaktere ebenso erfolgreich und kreativ gewesen wären.
Ich bezweifle das, auch wenn es mich – aus einer klassisch irdischen Perspektive – nicht unbedingt optimistisch stimmt.
In diesem Sinne: lange lebe das Genie und der Wahnsinn!
Markus
Servas! Die beste Kunst entsteht durch Leiden, sagt man – auch wenn man dieses Leiden erst künstlich generieren muss. In diesem Sinne tragen diese sieben Musiker-Märtyrer stellvertretend für uns alle das Kreuz und erlösen so faule Einsiedler wie mich von übermässigem Exzess und frühem, tragischen Tod; dafür bin ich ihnen echt dankbar.
Liebe Grüsse,
dein Docteur
Hallo Docteur, großartiger blog hier, auch bei crop fm habe ich dich gern gehört.
Auch ich habe ein Faible für das Thema tote Rockstars und möchte dich auf eine amerikanische Seite aufmerksam machen. Vielleicht, wahrscheinlich, kennst du sie schon, aber ich habe darüber noch nichts gelesen oder gehört.
Es handelt sich um eine Essaysammlung mit dem Namen “The strange but mostly true story of Laurel Canyon and the birth of the hippie generation” auf
http://www.davesweb.cnchost.com/index.html
Die Seite ist extrem gut recherchiert und bringt eine Menge neue, zum Teil erschütternde Infos und Zusammenhänge.
Dark stuff vom feinsten!
Ich schreib dir das auch aus Eigeninteresse, weil ich hoffe, dass so ein qualifizierter Rechercheur wie du auf dieses Thema anspringt, und mal was darüber schreibt, denn leider gibt es im deutschsprachigen Raum kaum Diskussionen über die Laurel Canyon story, zumindest finde ich nix dazu.
lieber frank! herzlichen dank für die komplimente! und ich muss sagen, sehr interessanter link, bei der geschichte vom laurel canyon kenn ich mich auch nicht besonders aus, sehr dark und spannend….
na, da werd ich mich mal reinschnüffeln in das ganze
liebe grüsse!
der doc